Afrika: Fluggesellschaften warten auf "Offenen Himmel"

Afrikanische Airlines kämpfen um Passagiere und Profitabilität

Von Franck Kuwonu, Africa Renewal* | 23.11.2017

New York (AR/afr). Seit zwei Jahren ist der Beniner Firmin Agossou in Goma in der DR Kongo beschäftigt. Wenn es seine Zeit erlaubt, reist er zu seiner Familie heim nach Cotonou. Der schnellste Weg für ihn dorthin ist eine Autofahrt zum Flughafen von Kigali. Mit RwandAir kommt in fünf Stunden in seine Heimat.

Ethiopian AirlinesEthiopian Airlines wurde zum sechsten Mal in Folge zur besten Fluglinie Afrikas gewählt (Philip Pilosian, Shutterstock.com)

Doch Agossou hätte noch weitere Möglichkeiten: Er könnte von Goma nach Kinshasa fliegen und dann an Bord der togoischen Fluglinie Asky weiter nach Cotonou reisen. Eine weitere Alternative wäre ein Flug via Addis Abeba. Aber seine bevorzugte Wahl ist und bleibt Ruandas Hauptstadt. "Der Abflug aus Kigali ist die bequemste Option. Es ist einfach und unkompliziert", sagt er.

Tausende von Flugreisenden wie Firmin Agossou müssen komplizierte Entscheidungen treffen, wenn sie zwischen den Städten des Kontinents verkehren. Obwohl wie früher keine Transitflüge durch Europa mehr notwendig sind, bleiben die Reisebedingungen auf dem Kontinent suboptimal. Lange Zwischenstopps, hohe Tarife, unsichere Flugpläne und eine schwache Service-Qualität zählen die Herausforderungen, die afrikanische Passagiere in Kauf nehmen müssen.

Experten sind davon überzeugt, dass das Abkommen von Yamoussoukro endlich umgesetzt werden muss. Diese Vereinbarung soll einen "Offenen Himmel"  über Afrika gewährleisten. Bereits im Jahr 1999 haben sich 44 Länder in Yamoussoukro in Côte d'Ivoire darauf verständigt, die nationalen Lufträume freizugeben, um für mehr bessere Verbindungen zu sorgen.

Die Implementierung des Abkommens ist bislang allerdings schleppend verlaufen. Branchenkenner kritisieren afrikanische Länder dafür, dass sie eher bilaterale Open-Sky-Verträge mit Ländern außerhalb des Kontinents eingehen als mit afrikanischen Staaten.

Passagieraufkommen steigt

Letztes Jahr haben die afrikanischen Fluggesellschaften in Subsahara-Afrika 9,2 Reisen verkauft - zwei Drittel davon entfielen auf Ethiopian Airlines, Kenya Airways und South African Airways. Das verbleibende Drittel verteilte sich auf mehr als ein Dutzend kleinerer Fluggesellschaften, wie Arik Air aus Nigeria, Air Mauritius und RwandAir.

Laut der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung IATA wird die Anzahl der Flüge in Afrika in den nächsten 18 Jahren um durchschnittlich 5,1 Prozent pro Jahr wachsen und damit deutlich über dem prognostizierten globalen Durchschnitt von 4,7 Prozent liegen.

Doch obwohl deutlich mehr Flüge als vor zehn Jahren Großstädte miteinander verbinden, können die meisten in Subsahara-Afrika ansässigen Fluggesellschaften mit der starken Konkurrenz aus Europa, der Türkei und den Golfstaaten nicht mithalten.

Sattes Minus

Von den drei großen Fluggesellschaften Afrikas verzeichnete im vergangenen Jahr nur Ethiopian Airlines einen Gewinn. Kenya Airways und South African Airways flogen ein Minus ein. Insgesamt stiegen die Verluste der afrikanischen Fluggesellschaften von 700 Millionen US-Dollar im Jahr 2015 auf 800 Millionen US-Dollar im Jahr 2016. Die Experten der IATA und der African Airlines Association (AFRAA) befürchten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

Dennoch werden in vielen Ländern nationale Airlines wiederbelebt oder neu gegründet. Heinrich Bofinger, Transportökonom bei der Weltbank, stellt fest: "Die Länder wollen oft aus Gründen des Nationalstolzes eine eigene Fluggesellschaft haben." Die afrikanische Luftfahrtgeschichte zeige jedoch, dass staatliche Fluggesellschaften selten nachhaltig erfolgreich sind.

Unbeeindruckt von diesen Erfahrungen bemühen sich derzeit Ghana, Mali, Nigeria, Senegal und Uganda um die Etablierung einer nationalen Airline. Im April 2016 hat Air Côte d'Ivoire hat als erste afrikanische Fluggesellschaft bei Airbus Flugzeuge vom Typ A320neo bestellt, um Ziele in West- und Zentralafrika besser bedienen zu können.

Neuer Anlauf für den Offenen Himmel

Bisher haben sich 20 afrikanische Länder - darunter Äthiopien, Kenia, Nigeria und Südafrika - verpflichtet, für einen Offenen Himmel zu sorgen. Für Anfang 2018 wird ein erneuter Vorstoß zur Umsetzung des Abkommens von Yamoussoukro erwartet. Dabei soll die Schaffung eines einheitlichen afrikanischen Marktes für den Luftverkehr (Single African Air Transport Market, SAATM) eingeleitet werden, dem 40 Ländern beitreten wollen.

Ethiopian Airlines, Kenya Airways und andere haben bereits vom Yamoussoukro-Abkommen profitiert, in dem sie die Fünfte Luftverkehr-Freiheit angewendet haben. Diese Regelung, die zu den Neun Freiheiten der Luft gehört, erlaubt die Aufnahme von Passagieren und Fracht auf Flughäfen im Ausland.

Transportexperte Bofinger erklärt das Prinzip anhand eines Beispiels: "Einem Flug aus Addis Abeba ist erlaubt, in Nairobi zu landen, Passagiere abzusetzen und neue aufzunehmen, um diese weiter zum Flughafen Kilimanjaro oder nach Dar es Salaam in Tansania zu transportieren."

Hohe Betriebskosten und staatliche Intervention

Für viele Experten birgt die Liberalisierung große Chance. Doch Branchenkenner bezweifeln, dass das Yamoussoukro-Abkommen ausreichen wird, um eine nachhaltige Entwicklung staatlicher Luftfahrtgesellschaften zu gewährleisten. Andere Herausforderungen - wie etwa die Behebung der schlechten Infrastruktur und die Senkung der Betriebskosten - hätten Priorität.

Laut AFRAA sind die Flughafengebühren in Afrika bis zu fünfmal höher als der weltweite Durchschnitt von 25 US-Dollar. Auch der Treibstoff ist in Afrika 2,5 mal teurer als in anderen Regionen. IATA-Direktor Alexandre de Juniac fordert die Regierungen daher zum Handeln auf: "Wenn sie Gebühren und Steuern senken, bringt das mehr Wohlstand, Arbeitsplätze, Bruttoinlandsprodukt und Handel. Damit wäre eine Reduzierung der Gebühren mehr als kompensiert."

Der ehemalige Geschäftsführer von Ethiopian Airlines, Girma Wake, ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats bei RwandAir. Im vergangenen März forderte er, dass die Regierungen nicht länger in die Geschicke der Fluggesellschaften eingreifen sollten. Die politische motivierten Ernennungen von Führungspersonal gingen nachweislich auf Kosten der Kompetenz. Die regelmäßige Subvention mit öffentlichen Geldern führe zu Wettbewerbsverzerrungen.

Ethiopian Airlines als Erfolgsmodell

Am 15. November 2017 hat die AFRAA zum sechsten Mal in Folge Ethiopian Airlines zur besten Fluggesellschaft in Afrika gekürt. Hervorgehoben wurde die Profitabilität, die Ausweitung des Liniennetzes und die beispielhafte Zusammenarbeit mit anderen afrikanischen Fluggesellschaften.

Ethiopian Airlines gilt aber auch aus einem anderen Grund als Vorbild: Die Airline befindet sich zwar komplett in staatlichem Besitz, das Managementteam gilt aber als unabhängig. Ein ehrgeiziges Entwicklungsprogramm soll in Zusammenarbeit mit regionalen Partnern die Entstehung von Knotenpunkten in Ost- und Westafrika unterstützen.

Andere Fluggesellschaften wie ASKY und RwandAir folgen dem Beispiel von Ethiopian Airlines. Sie betonen, dass nur die Einhaltung des Yamoussoukro-Abkommens und ein fairer Wettbewerb zu Rentabilität führen kann. (Ende)

*Franck Kuwonu ist Redakteur unserer Partnermagazins Africa Renewal der Vereinten Nationen. Dieser Beitrag ist erstmals in Ausgabe 2/2017 erschienen.

| Tags: , , , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus