Afrika: Fischfang weitaus höher als bisher angenommen

Studie wirft schlechtes Licht auf Fangflotten und Regierungen

Von Christopher Pala | 28.06.2016

Washington. Wissenschaftler an der University of British Columbia (UBC) haben die Fischmengen ermittelt, die in den Jahren von 1950 bis 2010 aus den Ozeanen gefangen worden sind. Die Studie  des UBC-Projekts 'Sea Around Us' belegt dabei ein hohes Ausmaß an illegalen Aktivitäten: Die tatsächlichen Fangmengen waren bedeutend höher als die offiziellen Angaben – vor allem in Afrika.

Internationale Fangflotten rauben den kleinen Fischern ihre Existenzbasis (Bild: Christopher Pala/IPS).

Die Forschergruppe an der UBC brachte ans Licht, dass die bisher von den Mitgliedsstaaten an die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gemeldeten Daten zu niedrig waren. So wurde der FAO für das Jahr 2010 ein Gesamtfang von 77 Millionen Tonnen bekanntgegeben. Die UBC-Forscher ermittelten aber eine tatsächliche Fangmenge von 109 Millionen Tonnen. Im Klartext wurden also 32 Millionen Tonnen oder fast 30 Prozent der gesamten Fangmenge nicht gemeldet.

In Entwicklungsländern klafft die Diskrepanz zwischen den offiziellen Berichten und den tatsächlichen Fangmengen noch deutlich weiter auseinander. Die Studie hat hier Abweichungen bis zu 200 Prozent festgestellt. Für die Ermittlung der Fangmengen afrikanischer Staaten war die aus Algerien stammende Fischereiwissenschaftlerin Dyhia Belhabib zuständig.

Bevölkerung geht leer aus

Belhabib deckte im Zuge ihrer fünfjährigen Untersuchung eine unglaubliche Vielfalt von betrügerischen Methoden auf, welche ein schlechtes Licht auf afrikanische Regierungen und die internationalen Fangflotten werfen. "Die traurigste Erkenntnis für mich war, dass die afrikanischen Länder überhaupt keinen Nutzen aus den ausländischen Fangflotten ziehen konnten", sagt Belhabib. "Die einzigen Menschen, die Geld gemacht haben, waren die Regierungsbeamten, die Fanglizenzen verkauften."

Belhabib begann ihre Untersuchung in ihrem Heimatland Algerien. Ihr fiel rasch auf, dass die Regierung verschiedenen Stellen unterschiedliche Fangzahlen nannte. So gab die algerische Regierung gegenüber der International Commission for the Conservation of Atlantic Tunas (ICCAT) an, in den Jahren von 2001 bis 2006 im Durchschnitt 2.000 Tonnen Roten Thun gefangen zu haben. Der FAO teilte Algerien aber mit, kaum Fänge des beliebten Speisefisches getätigt zu haben.

Belhabib fand heraus, wie diese widersprüchlichen Angaben zustande kamen. Die Regierung hatte Schiffe für die sogenannte Langleinen-Fischerei angekauft, mit denen aber die einheimischen Fischer nicht umgehen konnten. Also verkaufte die algerische Regierung die Thunfisch-Fangquote an andere Länder, vor allem an Japan und Italien.

Das nächste Land, das Belhabib unter die Lupe nahm, war Marokko. Der Atlantik vor dem seit 1975 von Marokko annektierten Gebiet der Westsahara ist besonders reich an Fischen – zwei Drittel der marokkanischen Fänge kommen von dort. Die Europäische Union gibt an, dass ihre Flotten 20 Prozent des Fangwertes an Marokko zahlen. Tatsächlich beträgt die Prämie aber nur fünf Prozent, wie Belhabib ermittelt hat. Und wie viel Geld überhaupt in das Gebiet der Westsahara geht, ist völlig unklar.

Mauretanische Trawler melden falsche Zahlen

Vor Mauretanien tummelt sich eine Unzahl von lokalen Fischtrawlern, die vor allem Jagd auf Sardinellen machen. Die mauretanische Küste ist übersäht von kleinen Fischfabriken, in denen die kleinen Meeresbewohner zu Fischmehl für Tierfutter weiterverarbeitet werden.

Belhabib hat entdeckt, dass die Trawler nur einen Bruchteil ihres Fangs an die Regierung meldeten. Der unterschlagene Rest wurde zu höheren Preisen direkt an europäische Abnehmer verkauft. "Die Behörden hatten davon keine Ahnung", meint die Fischereiwissenschaftlerin. "Die haben tatsächlich angenommen, dass die Trawler ihre gesamten Fänge bei ihnen melden."

Schauplatzwechsel nach Senegal. Im Jahr 2012 hat Präsident Macky Sall russischen Fangflotten die Erlaubnis entzogen, in senegalesischen Gewässern zu fischen. Zuvor hatten sich viele seiner Landsleute darüber empört, dass die Sardinellen-Bestände fast verschwunden waren. "Die Russen haben sich dann in Guinea-Bissau eine Lizenz verschafft", erzählt Belhabib. "Von dort kommen sie auch immer wieder in senegalesische Gewässer, wenngleich auch nicht mehr so viel wie früher fischen."

Keine Rücksicht vor der Not

Besonders bestürzt hat Dyhia Belhabib die Feststellung, dass von der EU subventionierte Fangflotten auch in den Gewässern von Bürgerkriegsländern plünderten. Während die Bevölkerung in den Bürgerkriegen von Liberia (1989-2003) und Sierra Leone (1991-2002) um ihr blankes Überleben kämpfte und auf jedes Nahrungsmittel angewiesen war, haben die Flotten ihre illegalen Fänge sogar noch erhöht.

Belhabib fand auch heraus, aus welchen Ländern die Übeltäter vor allem kommen. Die Flotten aus Spanien, dessen Bevölkerung doppelt so viel Fisch verzehrt wie der europäische Durschnitt, rauben mehr Fisch als jene anderer Nationen. Auf den Podestplätzen landen die Fangflotten aus China und Japan. (afr/IPS)

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