Afrika: Fest im Griff Chinas

Kontinent will stärker profitieren

Von Miriam Gathigah | 26.05.2014

Nairobi. Janice Gacheri importiert Handtaschen und Schuhe aus China, die sie über das Internet oder an Kunden in Nairobi und den Nachbarstätten verkauft. "Für einen Halbtagsjob sind die Einnahmen ganz ordentlich", sagt sie. "Ich denke darüber nach, mich voll und ganz auf das Geschäft zu konzentrieren und meine Produktpalette zu erweitern", sagt sie.

Afrika ist für chinesische Waren zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden. Die Preise sind konkurrenzfähig und die Erzeugnisse treffen eher den afrikanischen Geschmack als westliche Waren, wie David Owiro vom Institut für wirtschaftliche Angelegenheiten (IEA), einer lokalen Denkfabrik, betont.

Doch Wirtschaftsexperten verweisen auf die weiterhin extrem negative Handelsbilanz trotz der wachsenden chinesischen Präsenz. Nach Angaben des chinesischen Handelsministeriums erreichte der chinesisch-afrikanische Handel zwischen Januar und Oktober 2013 einen Wert von 172,83 Milliarden US-Dollar. Erwartet wird, dass er Ende des Jahres auf 200 Milliarden Dollar ansteigt.

Hohes Handelsbilanzdefizit

Nach Ansicht von Owiro sind die Handelsbeziehungen zwischen Afrika und der Europäischen Union gesünder. "Wir nehmen den Chinesen deutlich mehr ab als sie von uns. Die EU wiederum kauft mehr von uns, und zwar en gros, als umgekehrt."

Aus dem Afrikanischen Wirtschaftsausblick geht hervor, dass der Anteil Afrikas am globalen Handel Chinas gerade einmal fünf Prozent ausmacht. Auch profitiert die Region nur zu drei Prozent von Chinas ausländischen Direktinvestitionen. Der Ministerpräsident der Volksrepublik, Li Keqiang, hatte vom 4. bis 11. Mai Afrika besucht. Er nahm am afrikanischen Weltwirtschaftsforum im nigerianischen Abuja teil und reiste nach Äthiopien, Angola und Kenia.

Während seines Kenia-Besuchs unterzeichnete er mit der Regierung in Nairobi 15 Abkommen. Vorwiegend ging es dabei um die Zusammenarbeit in der Bau- und Landwirtschaft. Unter anderem wird China die 3,8 Milliarden teure 'Standard Gauge'-Eisenbahnlinie bauen, die in einer ersten Phase die kenianische Hafenstadt Mombasa mit Nairobi verbinden soll. Langfristig ist die Verlängerung der Route bis Uganda, Ruanda, Burundi und den Südsudan geplant.

Den Vertragsbedingungen zufolge wird Chinas Exim-Bank die innerhalb Kenias verlaufende Bahnlinie zu 90 Prozent finanzieren, die restlichen Kosten übernimmt die Regierung in Nairobi. "Das Projekt ist viel zu teuer und macht wirtschaftlich gar keinen Sinn", meint Owiro. Er bemängelt ferner, dass nach wie vor unklar sei, wie viel Zeit Nairobi habe, um den Kredit zurückzuzahlen.

Laut Alex Gakuru vom Kenianischen Verbraucherverband für Informations- und Kommunikationstechnologien und Mitglied einer Multi-Stakeholder-Arbeitsgruppe des Regierungsausschusses für den digitalen Übergang, reagiert China mit dem Projekt auf das Infrastrukturproblem, dass dem innerafrikanischen Handel im Wege stehe.

Kenia ist nur ein Land auf einer immer länger werdenden Liste afrikanischer Staaten, die zunehmend ostwärts blicken. Owiro räumt zwar ein, dass die Volksrepublik für Afrika interessant ist, weil sie keine Bedingungen stellt. "Doch geht es China vorrangig um Afrikas Rohstoffe. So ist der Ressourcenreichtum Angolas die Grundlage der langjährigen Beziehungen zu China", betont der Experte und fügt hinzu, dass in Angolas Hauptstadt inzwischen fast drei Millionen Chinesen lebten.

Nioblager gefunden

In Ostafrika einschließlich Kenia wurden in jüngerer Zeit Öl und Gas entdeckt. Dem IEA zufolge könnte der kenianische Energiesektor bis zu 40 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes beitragen. Im letzten Jahr wurde in Kenia zudem das seltene Schwermetall Niob entdeckt. Der Wert der Lagerstätte wird auf 62,4 Milliarden Dollar geschätzt. Niob ist als Legierungszusatz für rostfreien Stahl gefragt. "Der Fund solcher Mineralien in Afrika könnte den Ausschlag geben, dass sich die afrikanisch-chinesische Handelsbilanz zugunsten Afrikas verschiebt", meint Oviro.

Doch Gakuru ist der Meinung, dass sich Afrika entschieden um einen höheren Nutzen aus der Zusammenarbeit mit China bemüht. "Es ist kein Zufall, dass die neue Feuerpause im unruhigen Südsudan während des Besuchs des chinesischen Regierungschefs Li zustande kam. Afrika sollte sich von dieser Art der regionalen Annäherung größere Friedensdividenden verschaffen", meinte er. Ebenso sollte sich Afrika um einen Technologie-Transfer aus China bemühen.

Oviro moniert zudem, dass der von der Volksrepublik betriebene Aufbau Afrikas weitgehend von chinesischen Arbeitskräften erledigt wird. "Erst die Empörung im Zusammenhang mit dem Nairobi-Thika-Superhighway hat dazu geführt, dass einige wenige Kenianer für Hilfsarbeiten herangezogen wurden."

Wie Ken Ogwang, ein Immobilienentwickler und Wirtschaftsexperte, erklärt, sind derzeit 2.500 chinesische Firmen in Afrika aktiv, ohne dass für Afrikaner dabei etwas herausspringt. "Studien zeigen, dass chinesische Firmen in Afrika nur sehr wenige Sub-Wirtschaftssysteme schaffen", erläutert er. "Wenn chinesische Firmen mit dem Bau von Straßen beginnen, sollte man eigentlich annehmen, dass die Lokalbevölkerung profitiert, indem sie die Arbeiter mit Nahrungsmitteln, Wohnraum etc. versorgen kann. Das ist leider nicht der Fall." Die Chinesen schaffen ihren eigenen Campus. Was sie brauchen, bringen sie mit.

Ogwang zufolge sollte Afrika endlich zusehen, dass es ein größeres Stück vom Kuchen der globalen Weltwirtschaft erhält. Owiro sieht dafür Chancen im Herstellungs- und Fertigungsbereich. Da Chinesen immer mehr für technisch anspruchsvollere Jobs herangezogen würden, verlagerten sich Produktion und Fertigung zunehmend auf die chinesischen Nachbarländer wie Vietnam und sogar Indien. Hier sollte Afrika ansetzen. "So wie in China auch ist die Arbeitskraft in Afrika preiswert", meint der Experte. "Äthiopien hat bereits damit begonnen, sich diesen Umstand zunutze zu machen." (afr/IPS)

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