Afrika: Der verkannte Kontinent

Vizevorsitzender der AU-Kommission Erastus Mwencha im Interview

Von Jacey Fortin und Jason Warner | 07.02.2014

Addis Abeba. Die überwiegende Mehrheit der Afrikaner lebt in einem friedlichen Umfeld. Eine Realität, die nach Ansicht von Erastus Mwencha, dem Vizevorsitzenden der Kommission der Afrikanischen Union (AU), allzu oft übersehen wird. Afrika habe mehr zu bieten als Kriege und Konflikte, betonte er im IPS-Gespräch am Rande des 22. AU-Gipfels vom 21. bis 31. Januar in Addis Abeba.

Die Tagung in der äthiopischen Hauptstadt stand unter dem Motto 'Landwirtschaft und Ernährungssicherheit'. In beiden Bereichen habe Afrika einige Erfolge vorzuweisen, betonte Mwencha. Auch wenn Sicherheit und Frieden, insbesondere unter dem Eindruck der politischen Entwicklungen im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik, auf der Gipfel-Agenda einen hohen Stellenwert eingenommen hätten, wäre es falsch, die Fortschritte der AU in den Bereichen Entwicklung, Wirtschaftsintegration und Umweltschutz auszublenden.

IPS: Ihrer Meinung nach wird Afrika verkannt. Welche Irrtümer gilt es Ihrer Meinung nach auszuräumen?

Erastus Mwencha: Es gibt sie natürlich, die Länder und Regionen Afrikas, in denen Konflikte, Kriege und Hunger herrschen und die uns vor große Herausforderungen stellen. Gleichzeitig jedoch kann Afrika bemerkenswerte Fortschritte vorweisen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass 90 Prozent der afrikanischen Bevölkerung in einem friedlichen Umfeld leben. Sicher, die Situation der restlichen zehn Prozent verursacht uns Kopfzerbrechen. Doch diese zehn Prozent stehen nicht stellvertretend für einen Kontinent, der Governance, Demokratie und Menschenrechte verinnerlicht hat.

Zweitens muss erwähnt werden, dass Afrika ein attraktiver Ort für Investitionen ist und die sozioökonomischen Bedingungen hier immer besser werden.

IPS: Was waren die Top-Themen auf dem AU-Gipfel?

Mwencha: Natürlich haben uns Frieden und Sicherheit beschäftigt, erst recht, weil unsere Staats- und Regierungschefs spätestens bis 2020 alle Waffen zum Schweigen bringen wollen. Dieses Ziel soll durch den Aufbau einer Afrikanischen Friedens- und Sicherheitsarchitektur (APSA) geschehen. Unsere Hauptsorge gilt derzeit der Lage im Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der auf dem Gipfel besprochen wurde, war die wirtschaftliche Integration, die eigentliche Daseinsberechtigung der AU. Wir verfolgen Programme, die die Wirtschaft und den Handel zwischen den afrikanischen Ländern stärken sollen. Punkt drei: Explizites Thema des Gipfeltreffens war die Landwirtschaft.

IPS: Was genau hat die AU bisher für die Entwicklung der Landwirtschaft getan und was wird sie weiter tun?

Mwencha: Schauen wir uns die staatlichen Maßnahmen der letzten zehn Jahre an. Die Staats- und Regierungschefs verständigten sich in ihrem Umfassenden Afrikanischen Landwirtschaftsentwicklungsprogramm (CAADP) auf eine Erhöhung ihrer Investitionen in die Landwirtschaft. Untersuchungen zeigen, dass dies auch 70 Prozent der Länder getan haben.

In dem Jahrzehnt vor dem Start des CAADP waren die Investitionen in die Landwirtschaft rückläufig gewesen. Doch jetzt hat sich der Trend umgekehrt. Das ist eine wichtige Entwicklung, immerhin betrifft die Landwirtschaft fast 70 Prozent der Bevölkerung.

IPS: Sie haben die APSA erwähnt. Eine Komponente dieser Architektur ist die Afrikanische Eingreiftruppe (ASF), die möglichst rasch auf regionale Konflikte reagieren soll. Wie ist der Stand der Dinge?

Mwencha: Kürzlich wurde im Rahmen einer Bestandsaufnahme über die Frage beraten, ob die ASF bis 2015 einsatzbereit sein wird. Heraus kam, dass drei von fünf Regionalbrigaden dieses Ziel erreichen könnten. Gleichzeitig wurden etliche Punkte identifiziert, mit denen wir uns noch näher befassen müssen. Es geht um die Fragen, wie wir die ASF optimieren könnten, damit sie wirklich schnell reagieren kann, und wie wir die Bevölkerung besser vor den Folgen von Konflikten schützen können.

IPS: Der innerafrikanische Handel, verglichen mit dem anderer Weltregionen, ist unterentwickelt. Darauf hat auch die AU immer wieder hingewiesen. Gab es auf einem Gipfel einen neuen Anlauf, um sich dem Thema auf alternative Weise zu nähern?

Mwencha: Der Handel stellt unseren Kontinent auch weiterhin vor enorme Herausforderungen. Afrika braucht neue Technologien. Afrika braucht Infrastrukturen. Afrika braucht Kapital, um seine Rohstoffe weiterverarbeiten und seine menschlichen Ressourcen entwickeln zu können. Wir brauchen Unternehmer, die in der Lage sind, die Rohstoffe industriell zu verarbeiten und markttaugliche Waren zu produzieren. Das ist ein Prozess.

Bei dem Thema stellt sich automatisch die Frage nach der Henne und dem Ei. Macht es Sinn, erst einen Markt zu schaffen, bevor wir produzieren, oder sollten wir erst produzieren und uns dann um den Markt kümmern?

Inzwischen integrieren wir unsere Märkte. Es besteht ein hoher Bedarf an Investitionen, damit wir vom wachsenden afrikanischen Markt profitieren können. Die regionalen Wirtschaftsgemeinschaften haben bereits einiges erreicht. Sie sind auch die Partner, die uns bei der Etablierung einer kontinentalen Freihandelszone helfen sollen.

IPS: Die afrikanische Bevölkerung wächst in einer rasanten Geschwindigkeit. Wie reagiert die AU auf die Gefahr der Ressourcenübernutzung?

Mwencha: Die vielen jungen Leute sind Glück und Herausforderung zugleich. Wir müssen sicherstellen, dass sie produktiv sein, dass wir ihnen Bildung und Zugangsmöglichkeiten bieten können. Unsere Aktivitäten, etwa im Rahmen der UN-Millenniumsentwicklungsziele, heben auf den Schutz von Umwelt und Ressourcen ab, damit wir auch in Zukunft eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten können.

Wir führen mit Blick auf Bevölkerungsfragen spezielle Mutterschutzprogramme durch. Wir haben Bildungs- und Sanitärprogramme aufgelegt. Sie alle fußen auf der Erkenntnis, dass die vielen Menschen für Afrika eine wichtige Rolle spielen können. Es geht um die Frage, wie wir die Bevölkerungskarte ausspielen, ohne eine Ressourcenknappheit zu riskieren. (afr/IPS)

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