Afrika: Auf dem Weg zum größten Binnenmarkt der Welt

Kontinentaler Freihandel soll Wirtschaft des Kontinents entfesseln

Von Busani Bafana | 05.10.2016

Bulawayo (IPS). Ein gemeinsamer Markt von Kairo bis Kapstadt: Afrikanische Politiker träumen seit Jahren von einer Freihandelszone, die den gesamten Kontinent umfasst. Im Dezember 2017 soll es soweit sein: Dann könnten die Verträge für den größten Binnenmarkt der Welt unterzeichnet werden. Allerdings gilt es davor noch einige Hindernisse zu beseitigen.

Der Binnenhandel in Afrika ist derzeit wenig ausgeprägt: Für viele Experten hängt die Zukunft die wirtschaftliche Kontinents deshalb an der Schaffung einer Freihandelszone für alle 54 Staaten. (Bild: Busani Bafana/IPS)

Derzeit hält Afrika nur einen winzigen Anteil am globalen Handel von Waren und Dienstleistungen: Mit 2,4 Billionen US-Dollar lag der Beitrag des Kontinents zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Jahres 2014 bei mageren 3,13 Prozent. Im Vergleich dazu kamen die USA als größte Volkswirtschaft der Welt auf 17,5 Billionen US-Dollar oder 22,63 Prozent. Selbst das BIP von Deutschland erreichte mit 3,85 Billionen US-Dollar Deutschland und einem Weltmarktanteil von 4,97 Prozent einen deutlich höheren Wert als Afrika.

Wirtschaftsexperten sind davon überzeugt, dass der Ausbau des Binnenhandels das Potenzial dazu hat, die Lebenssituation auf dem Kontinent entscheidend zu verbessern. Die Vision eines gemeinsamen Marktes klingt jedenfalls vielversprechend: Die Union von 54 Ländern mit einer Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen würde den größten Binnenmarkt der Welt bedeuten.

Nach jahrelangen Verhandlungen sollen im Dezember 2017 die Verträge für die Kontinentale Freihandelszone (Continental Free Trade Area, CFTA) unterzeichnet werden. Ob es gelingt, ist freilich offen: Bereits jetzt gibt es mit der Dreier-Freihandelszone (Tripartite Free Trade Area, TFTA) ein ehrgeiziges Vorhaben, das die 26 Mitgliedsstaaten der drei größten Handelsblöcke COMESA (Common Market for Eastern and Southern Africa), SADC (Southern African Development Community) und EAC (East African Community) in einer Zone vereinen soll. Allerdings haben bislang erst 17 Staaten das Abkommen ratifiziert.

Wichtigstes Ereignis seit 1963

In ihrer Abhandlung The Benefits of Africa’s New Free Trade Area beschreiben Calestous Juma, Professor an der Harvard University, und Francis Mageni, COMESA-Direktor für Handels-, Zoll- und Währungsangelegenheiten, die Vorteile der TFTA. Für die beiden Autoren stellt die Gründung der Freihandelszone in Juni 2015 das wichtigste Ereignis seit der Schaffung der Organisation der Afrikanischen Einheit im Jahr 1963 dar.

Die geplante TFTA umfasst ein Gebiet von 17,3 Millionen Quadratkilometern, das sich von Kairo bis Kapstadt erstreckt und fast die doppelte Fläche von China einnimmt. In den 26 Staaten leben insgesamt 632 Millionen Menschen, das kombinierte BIP dieser Länder liegt derzeit bei 1,3 Billionen US-Dollar.

In dem Beitrag zeigen sich Juma und Mageni überzeugt, dass der Kontinent durch die TFTA sein unternehmerisches Potenzial entfalten kann. Die Erleichterungen beim Waren- und Dienstleistungsverkehr würden das hohe Wirtschaftswachstum bei einem Wert zwischen sechs und sieben Prozent stabilisieren. Darüber hinaus würden Investitionen in die grenzüberschreitende Infrastruktur ermöglicht und die industrielle Entwicklung des Kontinents gefördert werden.

Eine Kontinentale Freihandelszone würde die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas weier begünstigen. "Die vorgeschlagene CFTA wird die Investitionen auf Länder in Westafrika erweitern, die derzeit nicht durch die Dreier-Freihandelszone von COMESA, EAC und SADC abgedeckt werden", erläutert Calestous Juma im Gespräch mit IPS. "Dadurch wird es Afrikanern ermöglicht, auf dem gesamten Kontinent zu investieren. Aber ein gesamtkontinentaler Markt wird auch für Investoren außerhalb von Afrika attraktiver werden."

Ein Reisepass für 54 Staaten

Zuvor gilt es allerdings noch einige Steine aus dem Weg zu räumen. Als größtes Hindernis auf dem Weg zur CFTA sieht Juma die Notwendigkeit zur Anpassung der einzelstaatlichen Rechtsvorschriften. Mit Widerstand rechnet er dabei vor allem von Unternehmen, die derzeit noch durch geltendes Recht vor externem Wettbewerb geschützt sind.

Die Lösung liegt für Juma in der Schaffung von ausgleichenden Maßnahmen. "Die Vereinbarung muss Rechtsmittel und Anreize enthalten, die es den Ländern ermöglichen, sich auf die neue Situation einzustellen", meint Juma. "Deshalb sollte das Abkommen nicht nur Bestimmungen über den freien Handel sondern auch Vorschriften für Infrastruktur und Industrialisierung beinhalten. Es sollte vielmehr eine Vereinbarung über die gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung als ausschließlich über den Freihandel sein."

Statistiken der COMESA zeigen, dass der Binnenhandel in Afrika derzeit sehr schwach ausgeprägt ist. Nur zwölf Prozent der Waren und Dienstleistungen werden innerhalb des Kontinents gehandelt, für Europa oder Asien liegt der Vergleichswert etwa bei 60 Prozent. Als Hauptgrund für die Fehlentwicklung gelten die protektionistischen Maßnahmen der einzelnen Ländern: Es ist oft einfacher, Produkte aus Europa einzukaufen, als aus einem afrikanischen Nachbarland.

Die Abschaffung der Handelshemmnisse und die Harmonisierung der Handelspolitik sind für die CFTA ebenso entscheidend wie die Personenfreizügigkeit. Im Juni hat die Afrikanische Union (AU) bei ihrem Gipfel in Kigali die Einführung eines panafrikanischen Reisepasses mit Gültigkeit für alle 54 Länder beschlossen. Spätestens bis zum Jahr 2020 sollen alle Bewohner des Kontinents mit einem solchen Pass ausgestattet sein.

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