Afrika: AIDS Todessuche Nr. 1 bei Teenagern

Gesellschaftliche Ausgrenzung verhindert Zugang zu Therapien

Von Sam Olukoya | 03.12.2014

Lagos. Vor zwei Jahren musste Shola* das Haus seiner Familie verlassen, nachdem der damals 13-jährige Nigerianer positiv auf HIV getestet worden war. Der Teenager lebte mit seinem Vater, seiner Stiefmutter und deren sieben Kindern in Abeokuta im Südwesten des afrikanischen Landes zusammen. Shola ist kein Einzelfall: In Nigeria werden AIDS-Kranke häufig stigmatisiert.

Teenager in AfrikaHIV trifft in Afrika vor allem junge Mädchen (Bild: Mercedes Sayagues).

"Die Stiefmutter wollte, dass Shola ging, weil sie Angst hatte, dass er ihre Kinder infizieren könnte", berichtet Tayo Akinpelu, Programmdirektor der Nichtregierungsorganisation 'Youth's Future Savers Initiative'. Auch die leibliche Mutter habe von dem Jungen nichts mehr wissen wollen. "Shola fühlte sich ausgestoßen", so Akinpelu. Zum Glück hätten sich die Großeltern seiner angenommen.

HIV-Infektionen bei Teenagern zerstören Familien. Sie sind mittlerweile die häufigste Todesursache bei Jugendlichen auf dem Kontinent. "Das ist absolut inakzeptabel", sagt Craig McClure, Leiter des HIV-Programms beim Weltkinderhilfswerk UNICEF in New York. "In anderen Altersgruppen geht die Zahl der AIDS-Todesfälle hingegen zurück."

Nur wenige Teenager erhalten antiretrovirale Medizin

Laut einem UNICEF-Bericht (*.pdf) ist die globale AIDS-Todesrate zwischen 2005 und 2012 insgesamt zwar um 30 Prozent gesunken, bei Jugendlichen jedoch um 50 Prozent gestiegen. Der Mediziner Arjan de Wagt, HIV/AIDS-Beauftragter der UN-Organisation, führt diesen beunruhigenden Trend darauf zurück, dass nur wenige infizierte Jugendliche eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten.

Von den etwa 3,1 Millionen HIV-positiven Nigerianern ist die Hälfte jünger als 24 Jahre. Wie de Wagt erklärt, hatten im vergangenen Jahr aber nur etwa 20 Prozent der Infizierten über 15 Jahren und nur zehn Prozent der unter 15-Jährigen Zugang zu den lebensrettenden Medikamenten.

Viele Jugendliche suchen aus Angst vor Zurückweisung keine Hilfe. "Viele HIV-Infizierte sterben in aller Stille, weil sie sich so schämen, dass sie sich nicht um eine Behandlung bemühen", weiß Blessing Uju, eine in Lagos lebende Jugendberaterin. "Bei Mädchen ist die Scham noch größer. Wenn eine junge Frau in Nigeria HIV-positiv ist, denken alle, sie sei eine Hure."

Vertrauenspersonen fehlen

Die 23-jährige Sally hat weder ihren Eltern noch ihren Geschwistern erzählt, dass sie seit vier Jahren HIV-positiv getestet wurde. "In der Familie wird man stigmatisiert", sagt sie. Obwohl ihr bewusst war, dass die unregelmäßige Einnahme der Medikamente lebensgefährlich ist, wollte die junge Frau auf keinen Fall zu Hause mit den Tabletten gesehen werden. "Als junger Mensch braucht man einen Vertrauten. Wenn man nicht stark ist, nimmt man sich am Ende womöglich das Leben", sagt sie. "Teenager brauchen Unterstützung, um die ART durchzuhalten ", meint auch Akinpelu.

Sholas Großeltern kochten normalerweise erst nachmittags, bis Akinpelu ihnen erklärt hat, dass die Tabletten Übelkeit verursachen, wenn sie auf nüchternen Magen eingenommen werden. Uju stellte fest, dass den Jugendlichen die durch die Medikamente hervorgerufene Müdigkeit sehr zu schaffen macht. "Manche haben uns erzählt, dass sie lieber sterben würden, als weiter ihre Tabletten zu nehmen."

Von den etwa 2,1 Millionen HIV-positiven Jugendlichen auf der Welt (2012) leben laut UNAIDS mehr als 80 Prozent in Subsahara-Afrika. In Malawi, wo 93.000 HIV-infizierte Teenager leben, führt die Immunschwächekrankheit jährlich bei 6.900 Jugendlichen zum Tod. Die Krankheit werde oftmals viel zu spät diagnostiziert und nicht rechtzeitig medikamentös behandelt, sagt Judith Sherman von UNICEF in Lilongwe.

Keine routinemäßigen AIDS-Tests

Die Gesundheitspolitik in Malawi sieht eigentlich vor, dass alle in Krankenhäusern behandelten Kinder automatisch einen HIV-Test machen könnten. Von dieser Möglichkeit werde jedoch nur selten Gebrauch gemacht, sagt Sherman und führt den ART-Abbruch junger Leute auf Müdigkeit, Depressionen, Ausgrenzung und instabile Familienverhältnisse zurück.

In Tansania ist die HIV-Prävalenz bei Teenagern zwischen 15 und 19 Jahren zwischen 2007 und 2012 nicht gesunken. Landesweit liegt die Rate UNAIDS zufolge bei fünf Prozent. In Tansania leben schätzungsweise 165.000 Jugendliche mit dem Immunschwächevirus, darunter 97.000 Mädchen und 68.000 Jungen. Einige tragen das Virus bereits seit der Geburt in sich.

Bei einer Umfrage der Tansanischen AIDS-Kommission unter 15- bis 19-Jährigen in sieben Regionen des Landes wurde festgestellt, dass 40 Prozent von ihnen sexuell aktiv sind. Die meisten haben eine feste Beziehung. Nur die Hälfte der Befragten hatte nach eigenen Angaben beim letzten Geschlechtsverkehr ein Kondom benutzt.

Opfer sexueller Gewalt

Ein Drittel gab an, bereits Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Nur rund ein Drittel der Befragten kannte Methoden der Familienplanung und die Arbeit von Kinderschutzbehörden. Die Studie empfiehlt, HIV-positive Teenager gezielt aufzuklären und sie auf die Stellen hinzuweisen, die ihnen Hilfe leisten können. Allison Jenkins, HIV/AIDS-Expertin bei UNICEF in Tansania, hält auf eine konsequente Durchführung der Therapie für möglich, wenn sich die Jugendlichen in Clubs treffen können, um die Medikamente dort einzunehmen.

Besonders gefährdet sind weibliche Teenager. Bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren in Mosambik liegt die HIV-Prävalenz bei durchschnittlich sieben Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Jungen. Ähnlich sieht es in Botswana aus.

Mädchen durch Armut zur Prostitution gezwungen

Lucy Attah von der nigerianischen Organisation Frauen und Kinder mit HIV und AIDS sieht Armut als Ursache für die hohe Zahl weiblicher Infizierter. "Mädchen prostituieren sich, weil sie Geld brauchen. In den Städten ist der materielle Druck noch höher, weil dort Teenagern Handys und schicke Klamotten sehr wichtig sind."

Jugendliche seien sexuell aktiv, probierten Drogen und Alkohol aus, fühlten sich verletzlich und stünden unter dem Druck des Erwachsenwerdens, heißt es in dem UNICEF-Report. HIV und das Fehlen einer Gesundheitsversorgung, die auf Teenager ausgerichtet sei, erschwerten die Probleme. (afr/IPS)

*Die Namen der Jugendlichen wurden geändert, um ihre Identität zu schützen.

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