Afrika: Agripreneurs statt Importe

Jugend soll Nahrungsversorgung verbessern

Von Inter Press Service | 14.10.2015

Lusaka/Berlin. Millionen junge Menschen suchen in Afrika einen Einstieg ins Erwerbsleben. Experten sind davon überzeugt, dass dieses enorme Angebot an Arbeitskräften dazu genutzt werden kann, die Nahrungsversorgung auf dem Kontinent zu verbessern. Vor allem die Großstädte und die wachsende Mittelschicht versprechen neue Betätigungsfelder.

DDR projects for youth in ForobarangaAfrika hat die jüngste Bevölkerung der Welt. Experten plädieren dafür, diese 'Jugenddividende' dazu zu nutzen, Nahrungssicherheit und mehr Arbeitsplätze zu schaffen (Bild: UNAMID, CC BY-NC-ND 2.0).

In Afrika leben fast 200 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, geht aus dem kürzlich in der sambischen Hauptstadt Lusaka vorgestellten Bericht Africa Agriculture Status Report 2015: Youth in Agriculture in Sub-Saharan Africa hervor. Jahr für Jahr kommen zehn Millionen Afrikaner zum ersten Mal auf den Arbeitsmarkt. Experten wollen diese Jugendlichen dazu ermutigen, als selbständige Unternehmer Lebensmittel herzustellen sowie Forschung, Verarbeitung und Einzelhandel voranzubringen.

Afrikanische Staaten geben zurzeit jährlich mehr als 60 Milliarden US-Dollar für Nahrungsmittelimporte aus. Die Weltbank sagt voraus, dass bis zum Jahr 2030 die Einkommen in den großen Städten steigen werden. Damit könnte die Nachfrage der Verbraucher nach Lebensmitteln bis auf einen Umfang von einer Billion Dollar steigen.

Wie Agnes Kalibata, Vorsitzende der Aliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) dem Online-Nachrichtendienst AllAfrica sagte, bedeutet diese Entwicklung eine große Chance für afrikanische Produzenten. "Wenn wir den vollen Nutzen daraus ziehen wollen, sind unternehmerische Initiativen unverzichtbar."

Afrika hat jüngste Bevölkerung der Welt

Laut Kalibata können sogenannte 'Agripreneurs' diesen Markt erobern. "Wir haben den weltgrößten Bevölkerungsanteil an jungen Menschen und die größten Flächen an ungenutztem urbaren Land. Das ist eine unschlagbare Kombination."

Etwa 65 Prozent aller Afrikaner sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Dieser Sektor muss jedoch dringend an die Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst werden. Zu den bisherigen Schwachstellen zählen die unklare Regelung des Landbesitzes, ein eingeschränkter Zugang zu Finanzmitteln und Agrartechnologien, zu wenige Produktionsmittel, mangelnde Vorbereitung auf die Unternehmertätigkeit und eine unzureichende Infrastruktur.

Die Autoren des Berichts, der am 30. September auf dem 'African Green Revolution Forum' in Lusaka präsentiert wurde, geben konkrete Empfehlungen zur Stärkung des Agrarsektors.

Zentrale Rolle des Privatsektors

Rita Weidinger, Exekutivdirektorin der Afrikanischen Cashew Initiative (ACi) der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) erklärt, dass die Privatwirtschaft an vorderster Front und im Zentrum des landwirtschaftlichen Wachstums stehen muss. "Der Privatsektor bietet 90 Prozent aller Arbeitsplätze in dem Bereich und schließt auch die Bauern ein. Außerdem müssen Verbindungen zu Märkten geschaffen werden. In den letzten Jahren hat sich der Markt verändert. Die Wertschöpfungsketten in der Landwirtschaft bieten mehr Potenzial für inklusivere Geschäftsmodelle."

Einzelhändler und Käufer, wie etwa Supermärkte und Hotels, benötigten qualitativ hochwertige Nahrungsmittel in der richtigen Menge und zur richtigen Zeit, so Weidinger. Bauern erhielten dadurch eine neue Chance. Auch die internationalen Lebensmittelkonzerne und Händler hätten dies bereits erkannt. Cashew-Nüsse und Kakao etwa seien bei Supermarktketten wie Walmart sehr begehrt. Die Farmer könnten sich daher ihre Absatzmärkte eher aussuchen als früher.

Aufholbedarf bei IT im Agrarsektor

"Es ist an der Zeit, in ganz Afrika die Nutzung von Informationstechnologien in der Landwirtschaft zu fördern. Wir raten den Ländern dazu, ihre Strategien zusammenzuführen, um diese Technologien verstärkt in den Bereichen Vorproduktion, Produktion und Marketing einzusetzen", meint Ken Lohento, Programmkoordinator beim Technical Centre for Agricultural and Rural Cooperation (CTA), einer internationalen Non-Profit-Initiative, die im Rahmen eines Abkommens zwischen der Europäischen Union und den afrikanischen, karibischen und pazifischen Mitgliedsstaaten der so genannten AKP-Gruppe entstand.

Nach Ansicht von Lohento müssen Informationstechnologien vor allem Agrarunternehmern in ländlichen Gebieten leichter verfügbar gemacht werden. "Dazu brauchen wir Gemeinschaftsräume, in denen die Leute Zugang zu den Technologien erhalten. Außerdem müssen wir die Nutzungskosten senken und eine bessere Infrastruktur bereitstellen."

Traditionelles Wissen der Indigenen achten

Lindiwe Sibanda vom Food, Agriculture and Natural Resources Policy Analysis Network betonte in ihrem Beitrag zu dem Report die wichtige Rolle, die dem Wissen und den landwirtschaftlichen Praktiken der Indigenen zukomme. Eine Modernisierung des Agrarsektors müsse daher mit Bedacht in Angriff genommen werden. "Wir müssen uns auf die Kenntnisse stützen, mit deren Hilfe unsere Großeltern die Böden fruchtbar gemacht haben. Sie haben immer darauf geachtet, dass zuerst die eigene Familie zu essen hatte. Lasst uns die gesamte Wertschöpfungskette betrachten und den Sektor zu unserem Nutzen statt zum Nutzen anderer modernisieren."

David Ameyaw, Leiter der Strategieabteilung von AGRA und verantwortlicher Redakteur des Berichts, fasste den Sachverhalt so zusammen: "Der Kontinent steht vor der Herausforderung, die Nahrungsunsicherheit und die Arbeitslosigkeit meistern zu müssen." Der Report erscheint gerade jetzt, weil die Bevölkerung Afrikas einen Jugendüberschuss erzielt hat. Während andere Kontinente altern, wird Afrika jünger.

Ameyaw plädiert dafür, diese 'Jugenddividende' dazu zu nutzen, Nahrungssicherheit und mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Junge Menschen sollten in die Lage versetzt werden, dank ihrer Dynamik, Kreativität und Energie die bestehenden Probleme zu lösen. (afr/IPS)

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