Äthiopien: Zwischenstation auf dem Weg nach Europa

Wachsende Frustration unter Flüchtlingen im größten Aufnahmeland Afrikas

Von James Jeffrey | 09.12.2015

Addis Abeba. Manche spielen Basketball, andere kicken um die Wette. In der Bibliothek wird gelernt und gelesen. Mitten in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien, liegt das Gelände des Jesuit Refugee Service (JRS). Auf engem Raum finden sich hier Flüchtlinge aus Südsudan, dem Kongo, Uganda, Somalia, Eritrea, dem Jemen, Burundi und vielen anderen Staaten.

Flüchtlinge in ÄthiopienAuf dem Gelände des Jesuit Refugee Service stehen vor allem Frauen an, um Bettlaken, Reis und Öl zu erhalten (Bild: James Jeffrey/IPS).

Rund 1.700 Menschen erhalten hier Essen, nehmen Sprachunterricht oder lassen sich beim Ausfüllen von Formularen helfen. Sie alle eint, dass sie auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen haben. Für die meisten soll Äthiopien nicht das Ziel der Reise sein, sondern lediglich eine Durchgangsstation auf ihrem Weg nach Europa oder in die USA.

Benyamin ist aus dem Jemen nach Äthiopien geflohen, weil er wegen seines Glaubens verfolgt wurde. Ursprünglich war er Moslem, wie die meisten Jemeniten. Aber er konvertierte zum Judentum - und wurde in eine psychiatrische Klinik gesteckt. Dabei hatte er noch Glück: "Wenn man mich vor Gericht gebracht hätte, hätte man die Todesstrafe verhängt."

Guilain kommt aus Westafrika. Seit elf Jahren ist er bereits in Äthiopien. Vor zwei Jahren haben es seine Frau und Tochter geschafft, in die USA einzureisen. "Ich vermisse sie mit ganzem Herzen. Aber ich versuche, nicht daran zu denken, sonst würde es zerspringen vor Sehnsucht."

Nun wartet er darauf, ihnen folgen zu können. Der 35-Jährige hat eine Band gegründet und übt in einem der Musikzimmer des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. "Die Musik gibt mir Hoffnung - und lässt mich vergessen. Wenn ich hier herkomme und sehe, wie die anderen Spaß haben, bin ich glücklich."

86 Prozent aller Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern

Während Europa gerade darüber streitet, wer die vielen Flüchtlinge aufnimmt, die seit Monaten an den europäischen Grenzen ankommen, wird häufig vergessen, dass die meisten Flüchtlinge weiterhin in Afrika bleiben.

60 Millionen Menschen und damit mehr als jemals zuvor haben aktuell ihre Heimat hinter sich gelassen haben und suchen einen Ort, an dem sie bleiben können. Die meisten von ihnen sind lediglich in andere Landesteile geflohen, 19,5 Millionen haben die Landesgrenzen überschritten. Damit ist jeder 122. Mensch auf der Welt entweder ein Flüchtling, ein intern Vertriebener oder ein Asylbewerber.

86 Prozent aller Flüchtlinge leben dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zufolge in Entwicklungsländern. Äthiopien ist eines der Länder, das die meisten Migranten - zumindest temporär - aufnimmt. 680.000 Geflüchtete leben derzeit in dem Staat in Ostafrika, mehr als in jedem anderen afrikanischen Land.

Die größten Flüchtlingscamps sind May Aini, Adi Harush und Hitsats. Alle drei liegen im Nordwesten der Tigray-Region nahe der Grenzen zu Eritrea und dem Sudan. Tausende von zumeist Eritreern sind hier untergebracht.

Länder und Flüchtlinge mit Situation überfordert

Viele der afrikanischen Länder haben genug damit zu tun, ihren eigenen Landsleuten genug zu essen zu geben. Die Flüchtlinge überfordern die armen Länder der Region. Das Ergebnis ist, dass sie den Neuankömmlingen verweigern, eine Arbeit anzunehmen oder sich an der Universität zu bewerben. Viele dürfen sich auch nicht frei im Land bewegen, sondern müssen sich an eine Art Residenzpflicht halten.

Auch viele Flüchtlinge sind mit der Situation überfordert und haben jegliche Hoffnung verloren. "Wir werden hier mental getötet", sagt ein 33 Jahre alter Kongolese, der seinen Namen nicht nennen will. "Wir dürfen hier nicht arbeiten - aber was sollen wir sonst tun? Es ist hoffnungslos." Vor fünf Jahren floh der Mann nach Äthiopien, weil er den Banyamulenge angehört, eine Minderheit, die staatlich verfolgt wird. "Um uns Flüchtlinge geht es ihnen gar nicht. Wichtig ist nur, dass ihr Haushalt ausgeglichen ist."

Einige Flüchtlinge erzählen von Gerüchten, dass Ärzte in Krankenhäusern die Anweisung haben, Flüchtlinge nur unzureichend zu behandeln, um Kosten einzusparen. Andere erzählen, dass Äthiopier sich über dunkle Kanäle gefälschte Papiere beschaffen, die sie als Flüchtlinge ausweisen, um in Europa Asyl beantragen zu können.

Doch Gerüchte gibt es immer und überall. Und Verzweiflung, Ärger und Wut sind keine seltenen Gefühlsregungen in unsicheren Lebensverhältnissen. Die Erkenntnis, dass diese auch künftig anhalten werden und Menschen auch in Zukunft zahlreich und vermehrt flüchten werden, setzt sich langsam auch in der internationalen Gemeinschaft durch.

Aufhalten lässt sich der Trend nur, wenn globale Ungerechtigkeiten abgebaut und schwierige Lebensverhältnisse in den Ursprungsländern der Flüchtlinge verbessert werden. Doch das - auch eine Erkenntnis, die langsam Form annimmt - ist eine Aufgabe nicht für die nächsten Wochen oder Monate, sondern für die nächsten Jahre.

Fluchtursache: Chronische Krisen

Viele verlassen ihre Heimat aufgrund der chronischen politischen und wirtschaftlichen Krise ihrer Heimatländer. So kommt es, dass oft gut ausgebildete und engagierte junge Männer auswandern, weil sie sich einer hoffnungslosen Situation in ihrer Heimat gegenüber sehen.

Das Problem dabei: Die Asylgesetze der meisten Länder sind auf kurzfristige Krisen ausgerichtet. Anerkannt als Flüchtling wird, wer vor staatlicher Verfolgung flieht oder sich einer aktuellen Notsituationen gegenüber sieht. Doch die meisten Krisen sind langfristig, und auch das Ende eines Konfliktes bedeutet noch lange nicht das Ende einer Notsituation, wie die letzten großen militärischen Interventionen im Irak und in Afghanistan zeigen und sich nun auch in Syrien andeutet.

In einer Ecke des JRS-Geländes betreibt die Äthiopierin Wube ein Café. Sie war mit einem Flüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo verheiratet, bis dieser vor kurzem starb - 40 Jahre, nachdem er nach Äthiopien gekommen war, und hier darauf wartete, seine Flucht fortsetzen zu können.

Auch Wube will ihr Heimatland verlassen. "Ich will in die USA ausreisen. Das ist das beste für meine Kinder." Acht Kinder hat Wube zur Welt gebracht. Während sie im Café Mittagessen für die Gäste vorbereitet, schläft einer ihrer Enkel in einem Tragetuch auf ihrem Rücken. Weil Wube einen Flüchtling geheiratet hat, werden auch sie und ihre Kinder als solche behandelt.

"Man muss einsehen, dass man nicht jedem gleichzeitig helfen kann", sagt ein UNHCR-Mitarbeiter auf dem Geländer des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Addis Abeba gegenüber IPS. Seit acht Jahren arbeitet er in Äthiopien. "Wenn du das nicht akzeptierst, dann gehst du unter. Das hier ist praktisch wie Sozialarbeit. Deine Gefühle musst du außen vor lassen."

So versuchen viele auf ihre Weise, den Flüchtlingen zu helfen. Der Äthiopier Endrias Kacharo ist Lehrer. In der JRS-Bibliothek bringt er Teenagern bei, was Führungsqualitäten sind. "Indem sie darüber nachdenken, was sie einmal werden könnten, lernen sie, mit der Situation, in der sie sich befinden, umzugehen, ohne sich total aufgeschmissen zu fühlen." (afr/IPS)

Anmerkung: Die Namen der Eritreer in diesem Text wurden geändert.

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