Äthiopien: Wo der Lehrer zu den Schülern kommt

Mobile Dienste für Nomaden in der Somali-Region

Von William Lloyd-George | 25.07.2014

Somali-Region. Als kleiner Junge wusste Abdi, dass es Schulen gibt, in denen Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Doch weil er einer Nomadenfamilie entstammt, konnte er sich lange nicht vorstellen, in den Genuss einer regulären Schulausbildung zu kommen. Heute ist er 20 Jahre alt und weiß es besser.

Abdi gehört einer kleinen Hirtengemeinschaft der äthiopischen Somali-Region an, die derzeit ihr Lager vor den Toren der Stadt Shilabo in der Nähe der Grenze zu Somalia aufgeschlagen hat. Bis nach Jijga, der Hauptstadt der Somali-Region, sind 425 Kilometer.

Während die Sonne über dem Trockengebiet aufgeht, entzünden Frauen in farbenfrohen Gewändern die Feuerstellen. Die Männer, in traditionellen Sarongs, sehen nach ihren Kamelen. Ein Geruch nach Feuer durchzieht die heiße Luft – ein Hinweis darauf, dass es bald Frühstück gibt.

Noch vor einigen Jahren hatte der Weg nach Shilabo die Hirten über eine staubige Buckelpiste geführt. Doch inzwischen wurde eine Straße gebaut, die für eine Anbindung an die Stadt sorgt. In Kürze werden die Lokalbehörden darüber hinaus den neuen internationalen Kebri-Dahar-Flughafen eröffnen.

Die Nomadenfamilien haben sich aus Zweigen und Stoff igluförmige Hütten gebaut, die von einem Zaun aus Astwerk umgeben sind. Sie führen ein Leben fernab aller Bequemlichkeiten, die ihre Landsleute in den sich stetig entwickelnden Städten der Somali-Region genießen, wo kräftig in Einkaufszentren, Hotels und Wohneinheiten investiert wird.

Unterricht maßgeschneidert

Am Ende der Nomadensiedlung drängen sich Kinder unter einem Unterstand zusammen und lauschen ihrem Lehrer Fassah, der die umherziehende Hirtengemeinschaft begleitet. "Ohne dieses besondere Bildungsangebot wäre es den Nomaden nicht möglich, lesen und schreiben zu lernen", sagt er während einer Unterrichtspause gegenüber IPS. Wohin es seine Schüler auf ihren Wanderungen auch verschlagen mag, solange sie unterwegs sind, ist er dabei.

Auch der 20-jährige Abdi verdankt seine Schulausbildung den mobilen Lehrkräften. Er hat die Sekundarstufe abgeschlossen und könnte an der Jijiga-Universität studieren. "Selbst in ihren kühnsten Träumen hätten sich unsere Eltern nicht vorstellen können, dass das einmal möglich sein wird", sagt er. "Wir können sehr viel lernen und dadurch unseren Gemeinschaften helfen."

Die Somali-Region oder Zone 5 macht ein Fünftel des äthiopischen Staatsgebietes aus. Mit dem kriegsgeplagten Somalia teilt sie sich eine 1.600 Kilometer lange Grenze. Schätzungen zufolge leben hier mehr als fünf Millionen Menschen, von denen 80 Prozent Nomaden sind.

Mobilität ist angesichts der klimatischen und vegetativen Herausforderungen in der Region eine sinnvolle Überlebensstrategie. Viele Experten halten die Viehzucht für ein ausgeklügeltes Landnutzungssystem. Auch wenn die Hirten gerade einmal 15 Prozent der äthiopischen Bevölkerung mit insgesamt 92 Millionen Einwohnern ausmachen, wird ihr Anteil am landwirtschaftlichen Bruttoinlandsprodukt auf 40 Prozent geschätzt.

Die Hirten in der Somali-Region sind Vieh-, Kamel- und Ziegenzüchter. Damit die Tiere nicht verhungern oder verdursten, sind sie in den Trocken- und Dürregebieten ständig auf der Suche nach Wasserstellen und Weideland. Für sie war formelle Bildung lange kein Thema, und die Kinder lernten das, was ihnen die Älteren beibrachten.

Auch wenn in der Somali-Region seit Jahrzehnten unterschiedliche Formen mobiler Dienstleistungen angeboten werden – der Durchbruch kam erst, als die Lokalbehörden mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) eine Initiative zum Ausbau dieser Angebote starteten. Um das Leben der Hirtengemeinschaften zu erleichtern, wurden mobile Gesundheits-, Bildungs-, und Veterinärdienste geschaffen, die den Hirtengemeinschaften hinterherziehen.

Das staatliche mobile Bildungssystem wiederum schickt Lehrer aus, die die Nomaden begleiten. Auf diese Weise erhalten die Kinder eine Grundschulausbildung, die sie befähigt, die weiterführenden Schulen oder gar die Universitäten zu besuchen.

Ärzte und Veterinäre

Für Fassahs Schüler ist der Unterricht für heute vorbei. Die Kinder stürmen zum Spielen nach draußen. Unter einer nahen Akazie haben sich hunderte Ziegen in den Schatten gelegt. Der Tierarzt Mahmud versorgt die Wunde einer Ziege. "Gäbe es diese mobilen Veterinärdienste nicht, müssten wir unsere kranken Tiere in die Städte bringen, ohne sicher sein zu können, dass sie überhaupt überleben", meint der Ziegenhirte Jamal. "Unsere Tiere sind gesünder, seit es die mobilen Tierärzte gibt. Sie helfen uns sehr."

In einer anderen, nahegelegenen Hirtensiedlung hat sich vor einer Hütte eine Menschenschlange gebildet. Drinnen sitzt eine Ärztin, die einem staatlichen Gesundheits- und Ernährungsteam angehört, und breitet ihre mitgebrachten Arzneien aus.

Insgesamt gibt es in der Region 51 solcher rollenden Gesundheitszentren, die die Regierung mit finanzieller Hilfe des Weltkinderhilfswerks UNICEF und von etlichen NGOs betreibt, um die Gemeinschaften in den entlegenen Gebieten zu versorgen. Das Projekt ist Teil einer Maßnahme, die zum Erfolg der UN-Millenniumsentwicklungsziele beitragen sollen.

Das Team verarztet die Kranken und leistet Präventivhilfe, wobei Kinder und werdende Mütter die Hauptzielgruppen sind. Säuglinge und Kinder werden geimpft und gegebenenfalls auf Unterernährung behandelt. Auch werden Wasserdesinfektionstabletten ausgegeben, Frauen mit Eisenpräparaten ausgestattet und beraten.

Polizisten werden zu Entwicklungshelfern

In der Nähe von Jijiga liegt Gudhis, eine für die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der Nationalen Befreiungsfront von Ogaden (ONLF) bekannte Stadt. Den Bewohnern zufolge ist inzwischen Ruhe eingekehrt, was die regionalen Behörden vor allem auf die Präsenz der Liyu-Polizei zurückführen, die die ONLF seit deren Gründung 2008 erheblich geschwächt hat.

War diese Einheit ursprünglich gegründet worden, um gegen die ONLF vorzugehen, ist sie inzwischen mit Entwicklungsaufgaben befasst, wie der Regierungschef der Somali-Region, Abdi Mohamoud Omar, gegenüber IPS berichtet. "Entwicklung ist der Schlüssel, ohne sie gibt es keine Sicherheit", meint er. "Deshalb wollen wir, dass die Liyu-Polizisten beim Brunnen- und Straßenbau helfen und die Menschen vor Ort unterstützen."

Was tatsächlich geschieht. So sind außerhalb der Stadt Mitglieder dieser Einheit damit befasst, die Zufahrtsstraße mit einer Autobahn zu verbinden. Und in der Stadt Bulali, die für ihre somalische Kultur und historischen Feste bekannt ist, haben Liyu-Mitglieder einen Brunnen gegraben, der Dutzende Gemeinschaften mit Wasser versorgt.

"Mein Vater wurde auf der Suche nach Wasser von einem Löwen getötet", berichtet Abdulahi, ein Kameltreiber, während er einen Blick in den Brunnen wirft. "Es ist schon ein erhebendes Gefühl zu wissen, dass es hier Wasser gibt, nachdem die Menschen lange Zeit so große Schwierigkeiten hatten, an Wasser zu kommen", fügt er hinzu.

Mitglieder der Liyu-Polizei wurden zudem zu Veterinären ausgebildet. Den Kameltreibern zufolge leisten sie gute Arbeit. "Lange musste wir ohne sie und ohne Ärzte auskommen", sagt Abdulahi, während er seine Kamele auf die Nacht vorbereitet. "Diese mobilen Teams haben wirklich unser Leben verändert. Wir haben jetzt Zugang zu Leistungen, von denen wir damals nur träumen konnten." (afr/IPS)

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