Äthiopien: Wachstum bremst Hirten aus

Hunderttausenden Menschen droht Vertreibung

Von Ed McKenna | 15.11.2013

Omo-Tal. In Äthiopien wird der Bau einer mehr als 1.000 Kilometer langen Stromexportleitung vorangetrieben, die von einem der größten Wasserkraftwerke des Landes gespeist werden soll. Der Damm bedroht die Lebensgrundlage einer halben Million Menschen. Zudem sollen die Hirtengesellschaften des Omo-Tals abgesiedelt werden.

Der Gilgel-Gibe-III-Staudamm am Omo-Fluss im Südosten des Landes wird nach seiner Fertigstellung 1.800 Megawatt (MW) Elektrizität generieren. Die Kosten für das Mammutvorhaben belaufen sich auf 1,7 Milliarden Dollar. Die Energieüberschüsse sind für den Export in die Nachbarländer bestimmt und sollen dem Staat jährliche Einnahmen in Höhe von 400 Millionen Dollar einbringen.

Doch der Damm bedroht die Existenz indigener Gesellschaften in Äthiopiens Unteren Omo-Tal und der Anrainer des kenianischen Turkana-Sees. Für die Bodi, Daasanach, Kara, Mursi, Kwegu und Nyangatom, die in den Überschwemmungsgebieten nach dem Rückzug der Wassermassen Landwirtschaft betreiben, sind die natürlichen Überflutungszyklen des Omo lebenswichtig. Der Gige-III-Stausee würde die Überschwemmungen unterbinden und somit die Lebensgrundlage von 200.000 Äthiopiern und 300.000 Kenianern vernichten.

Die Halbnomaden der Mursi sollen zudem in künstliche Dörfer umgesiedelt werden, um Platz für kommerzielle Zuckerrohrfelder zu schaffen. Mit Hilfe des Dorfentwicklungsprogramms sollen die umherziehenden Hirten sesshaft gemacht werden. Die hunderte Kilometer langen Bewässerungskanäle, die derzeit gegraben werden, um das Omo-Wasser auf die Plantagen zu leiten, machen es für die indigenen Gemeinschaften unmöglich, ihr gewohntes Leben fortzusetzen.

"Wir fürchten um unser Überleben"

"Man hat uns gesagt, dass unser Land Privateigentum ist. Wir fürchten nun um unser Überleben, denn man drängt uns in Gebiete ab, in denen es kein Wasser, kein Weideland und keine Anbaumöglichkeiten geben wird", meint ein Mitglied der Mursi-Ethnie gegenüber IPS.

Vorgesehen ist, das Omo-Tal zum regionalen Kraftwerk zu machen und gleichzeitig die kommerziellen Großfarmen mit dem Wasser des Gibe-III-Stausees zu versorgen. Bisher wurden 445.000 Hektar Land an malaysische, indische und andere ausländische Firmen für den Anbau von Zuckerrohr, Biotreibstoffen, Getreide und anderen Anbauerzeugnissen verpachtet.

"Der Gibe III wird die Armut in der Region verschärfen. Die Regierung hat schon jetzt genug damit zu tun, Hunger und Armut zu bekämpfen. Indem sie sich das Land und die Wasserressourcen einverleibt, schafft sie eine neue Klasse von 'Binnenflüchtlingen'", meint Lori Pottinger von der Umweltorganisation 'International Rivers'.

Einflussreiche Finanzorganisationen wie die Weltbank und die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) haben 1,2 Milliarden Dollar für den Bau der 1.070 Kilometer langen Stromleitung zugesagt, die Wolayta-Sodo in Äthiopien mit Suswa, 100 Kilometer nordwestlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi, verbinden soll. Die Übertragungsleitung wird 2.000 Megawatt zwischen beiden Ländern transportieren. Laut AfDB dient sie der Förderung der erneuerbaren Energien und regionalen Zusammenarbeit. Außerdem soll sie bis 2018 870.000 Haushalte ans nationale Stromnetz anschließen. 

Ehrgeizige Wachstumspläne

Obwohl Äthiopien im Bericht über menschliche Entwicklung des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP ) auf dem 173. von 187 Plätzen gelistet wird, gehört das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Nach Aussagen von Ministerpräsident Hailemariam Desalegn wird Äthiopien auch 2014 eine Wachstumsrate von elf Prozent vorweisen. Die vollständige Ausbeutung seines enormen Wasserreichtums zur Entwicklung seines Wasserkraftpotenzials von bis zu 45.000 MW sei wichtig für die Umsetzung des äthiopischen Wachstums- und Transformationsplans, einem Fünf-Jahres-Plan zur Entwicklung der Wirtschaft des ostafrikanischen Landes.

Das Land am Horn von Afrika bezieht derzeit 2.000 MW Strom aus sechs Wasserkraftwerken und investiert weitaus mehr in die Entwicklung seines Wasserkraftpotenzials als jedes andere Land Afrikas: ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts in Höhe von 77 Milliarden Dollar.

Wie aus einem Weltbankbericht aus dem Jahre 2010 hervorgeht, hatten zum Zeitpunkt der Untersuchung gerade einmal 17 Prozent der 84,7 Millionen Äthiopier Zugang zu Elektrizität. Bis 2018 werden es nach Angaben des staatlichen Strombetreibers 'Ethiopian Electric Power Corporation (EEPCO) 100 Prozent sein. "Wir tragen zur Bekämpfung der Klimarisiken bei, die von fossilen Brennstoffen ausgehen, und verringern die horrenden Entwaldungsraten in Äthiopien. Wasserkraft ist auf jeden Fall entwicklungsfördernd", erläuterte Miheret Debebe vom EEPCO.

Der äthiopischen Regierung liegt nach eigenen Angaben das Wohlergehen der Hirtengemeinden durchaus am Herzen. Deren Umsiedlung genieße Priorität. Die Betroffenen würden in jedem Fall profitieren. "Wir arbeiten hart daran, sie zu schützen und ihnen dabei zu helfen, sich den veränderten Lebensbedingungen anzupassen", erklärte Regierungssprecher Shimeles Kemal.

Angemessene Entschädigungen gefordert

Doch den Kritikern zufolge werden die Hirtengesellschaften vor vollendete Tatsachen gestellt. "Wenn wir uns unserer Umsiedlung widersetzen, werden wir festgenommen", berichtete ein Mursi-Älterer gegenüber IPS. "Unsere Lebensweise ist bedroht. Man verbietet uns, mit unseren Herden umherzuziehen. Wir sollen unsere traditionelle Kleidung ablegen und unser Vieh verkaufen. Doch für uns Mursi sind Bewegungsfreiheit und unsere Tiere alles."

Ben Braga, Vorsitzender des Weltwasserrats, warnte davor, die nationale Entwicklung nicht auf dem Rücken hunderttausender Hirten auszutragen. Bisher hätten Regierungen versagt, Gemeinschaften wie die Mursi angemessen zu entschädigen. Der Bau großer Stauseen führe zwangläufig zur Vertreibung der umliegenden Gemeinschaften. Deshalb müssten die Großprojekte rechtzeitig und minutiös durchgeplant werden, um Katastrophen zu verhindern.

"Wie können wir diese Vertreibungsopfer entschädigen, damit die Mehrheit im Land in den Genuss einer Stromversorgung kommt? Wir brauchen viel bessere Entschädigungsmechanismen, um sicherzustellen, dass alle profitieren und die betroffenen Akteure vor Baubeginn in die Beratungen einbezogen werden", sagte er. (afr/IPS)

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