Äthiopien: Traditionelle Manuskriptkunst kämpft ums Überleben

Anstieg der Lederpreise verteuert die Pergamentherstellung

Von James Jeffrey | 14.05.2014

Debre Libanos. Misganew Andeurgay greift zu einem Federhalter, taucht die Spitze in einen Tiegel mit scharlachroter Tinte und schreibt das amharische Wort für 'Gott' auf eine Pergamentseite. Er gehört zu einer Zunft von Äthiopiern, die mit Ehrfurcht und Hingabe die heiligen Schriften für die Nachwelt kopieren und damit zugleich die alte Manuskriptkunst am Leben erhalten.

"Das ist eine schwierige Arbeit, doch ich mag sie", sagt der 50-Jährige, der sein Handwerk seit 21 Jahren praktiziert und an andere weitergibt. Stundenlang hockt er auf dem Boden, um sich der der amharischen Kalligraphie zu widmen – ein für Beine und Knie schmerzhafter Prozess.

Misganew hat seine Familie in Gondar im Norden Äthiopiens zurückgelassen, um ins 700 Kilometer entfernte Debre Libanos, 100 Kilometer nördlich von Addis Abeba, zu reisen. Hier sind die Tierhäute, das er für sein Pergamentpapier braucht, kostengünstiger, und auch die Preise, die er für seine Bücher erzielt, sind besser. Doch das Überleben der traditionellen Manuskriptkunst ist gefährdet. Und auch die damit verbundenen Fertigkeiten wie die Kunst der Kalligraphie und der Illustration sowie die Buchbinderei stehen auf dem Spiel.

Äthiopien ist ein wirtschaftlich potentes Land, das seit 2004 ein durchschnittliches Wachstum von zehn Prozent vorweisen kann. Dieser Trend wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen und sich auf ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich acht Prozent einpendeln. Doch werden nicht alle Bürger von dem wirtschaftlichen Aufwind profitieren.

Traditionellen Schreibern machen hohe Lederpreise zu schaffen

Dazu gehören nicht zuletzt die traditionellen Schreiber. Sie sind die Leidtragenden einer expandierenden Lederindustrie. Im Jahr 2011 erwirtschaftete der Export von Leder und Ledererzeugnissen 2,8 Milliarden US-Dollar. Bis 2020 könnte er um weitere vier Milliarden Dollar ansteigen, wie das äthiopische Industrieministerium schätzt. Doch dieser an sich positive Trend hat die Preise für die Tierhäute, dem Rohstoff der Schreiber, in die Höhe getrieben.

Die Herstellung von Manuskripten aus Pergament wird zunehmend zu einem kostspieligen Unterfangen, das darüber hinaus extrem zeitaufwendig ist. Beide Aspekte macht der Äthiopienexperte John Mellors, der das ostafrikanische Land seit 1995 regelmäßig bereist, für den Niedergang der lokalen Pergamentproduktion verantwortlich. "Ein weiteres Problem besteht darin, dass es für die Schreiber zunehmend schwierig wird, Mäzene zu finden, die die Bücher für sich oder für Kirchen einkaufen", erläutert er. "Viele Städter wissen zudem gar nicht, dass es noch Pergamentpapier gibt und kommen deshalb gar nicht auf die Idee, die Herstellung eines solchen Buches in Auftrag zu geben."

Misganew arbeitet etwa zwölf Stunden am Tag. Bedächtig kratzt seine Feder über das Pergament und hinterlässt neben den Schriftzeichen schwache Riefen. Bis zum Ende eines jeden Monats hat er ein Buch aus mindestens 32 Seiten zusammen, das er für etwa 3.000 Birr (157 Dollar) verkauft – wenn sich ein Interessent findet. "Im Durchschnitt verdienen die Schreiber jedoch inzwischen so wenig, dass die Bereitschaft junger Leute, das Handwerk zu erlernen, sinkt", meint Mellors.

Es gilt allgemein als gesichert, dass der Ursprung der Pergamentherstellung, wie sie heute in Äthiopien anzutreffen ist, auf christliche Mönche zurückgeht, die sich im vierten Jahrhundert über das Rote Meer wagten und ihre Bibeln mitbrachten. "Die darin enthaltenen Texte wurden von den Schreibern auf Pergament übertragen. Die schon damals angewandten Techniken haben sich seither nur wenig verändert", so Mellors.

In Äthiopien gibt es bei der Pergamentherstellung eine Verfahrensweise, die in Europa zuletzt vor 1.000 Jahren angewandt wurde, wie Richard Pankhurst, ein anerkannter Experte äthiopischer Manuskriptillustrationen erläutert. "Dass Äthiopien diese Tradition bis in unser Zeitalter aufrechterhält, macht es so einzigartig." Doch stellt sich die Frage, wie lang das Land dazu noch in der Lage sein wird. "Die zugrunde liegende und gut dokumentierte Methode zur Herstellung der Pergamentmanuskripte sollte aber unbedingt fortbestehen", so Mellors.

Britischer Lederproduzent sagt Hilfe zu

Der britische Lederhersteller 'Pittards' der seit 100 Jahren seine Tierhäute aus Äthiopien bezieht, hat angekündigt, dem Land etwas zurückgeben zu wollen, indem es ihm hilft, die alte Tradition der Manuskriptherstellung zu bewahren und die damit verbundenen Fertigkeiten zu fördern. Doch damit ist die Sorge um die Zukunft des traditionsreichen Handwerks bei weitem nicht ausgeräumt.

"Wir wollen nicht am Ende nur noch mit iPads dastehen", meint Hasen Said, Chefkurator des ethnologischen Museums in Addis Abeba, gegenüber IPS. "Wir sollten dem alten Handwerk der Manuskriptproduktion einen besonderen Stellenwert im modernen Leben einräumen. Neue Technologien und alte Formen können in einem historisch reichen Land wie Äthiopien, das sich aber auch immer mehr zu einem globalisierten Land entwickelt, durchaus koexistieren."

Das mittelalterliche Kloster in Debre Libanos, das die letzte Schule für Schreiberlehrlinge betreibt, gibt Anlass zur Hoffnung, dass die traditionelle Herstellung der Pergamentmanuskripte überleben wird.

Wie die Gesellschaft der Freunde des Instituts für äthiopische Studien berichtet, fehlt es in Äthiopien bedauerlicherweise an Lagerraum und an Schutz für die reichen Kulturgüter. Dies hat dazu geführt, dass unzählige Artefakte im Verlauf der Jahrhunderte illegal außer Landes geschafft wurden. Als Beispiel führte ein Mönch im Kloster Debre Libanos den Diebstahl hunderter Manuskripte durch die britische Armee nach der Makdela-Expedition im Jahre 1868 an. Bis heute befinden sie sich in Großbritannien. (afr/IPS)

| Tags: , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus