Äthiopien: Seifenopern auf der Überholspur

Kana TV ist rasch zum populärsten Sender aufgestiegen

Von James Jeffrey | 11.01.2018

Addis Abeba (IPS/afr). In einem Khat-Haus in der Hauptstadt Addis Abeba kaut eine Gruppe von Männern und Frauen die leicht narkotisierende Pflanze. Ihr Blick ist wie hypnotisiert auf den Fernseher gerichtet, wo gerade ein halbbekleideter südkoreanischer Soldat auf Amharisch einer jungen Dame seine Liebe gesteht.

Kana TVEin Mitarbeiter von Kana TV synchronisiert einen türkischen Film auf Amharisch (Bild: James Jeffrey/IPS)

Der private Satellitenkanal Kana TV ist seit April 2016 auf Sendung und hat die Herzen der äthiopischen Zuseher im Sturm erobert. Das Programm, das überwiegend aus ausländischen Serien besteht, wird ausschließlich in Amharisch und in HD-Qualität ausgestrahlt.

Bereits beim Start des Senders erreichte Kana TV in der Prime Time einen Marktanteil zwischen 40 und 50 Prozent. Heute ist Kana TV der führende Fernsehkanal des Landes, das vier Millionen TV-Haushalte zählt.

Unterhaltung auf Amharisch als Erfolgsfaktor

Hinter Kana TV steckt die afghanische Moby Group, die im Jahr 2002 mit Unterstützung des Medienkonglomerats News Corporation von Rupert Murdoch aus der Taufe gehoben wurde.  "Es ist ein verrücktes Unterfangen", erklärt Elias Schulze, Geschäftsführer und Mitgründer von Kana TV. "Zu Beginn brauchten wir 50 Mannstunden, um eine Stunde Programm zu überspielen."

Bis heute hat Kana TV 2.300 Stunden ausländischer Inhalte synchronisiert - das erfordert einen koordinierten Betrieb: Etwa 180 Mitarbeiter kümmern sich um die Programmabwicklung.

Die Regierung, die eine restriktive Medienpolitik verfolgt und im Ranking von Reporter ohne Grenzen auf Platz 150 unter 180 bewerteten Ländern liegt, ist mit den staatlichen Sendern ins Hintertreffen geraten: "Das Fernsehen war früher so langweilig, alle Kanäle zeigten hauptsächlich Nachrichten. Aber Kana ist pure Unterhaltung, und die Leute mögen es wirklich", sagt eine junge Frau aus Addis Abeba.

Der Erfolg von Kana TV liegt vor allem daran, dass Unterhaltungsformate in der wichtigsten Verkehrssprache Amharisch ausgestrahlt werden. Obwohl nur etwa ein Viertel der 100 Millionen Bürger Amharisch als Muttersprache hat, zeigen Untersuchungen von Kana TV, dass 70 Prozent der Zuseher die Sprache ausreichend verstehen. Vor dem Start von Kana TV waren Seifenopern nur auf arabisch-sprachigen Satellitensendern verfügbar.

Neue Blickwinkel bei Eigenformaten

Das aktuelle Programm von Kana TV besteht zu 90 Prozent aus ausländischen Formaten. Das Ziel des Senders lautet aber, dass in Zukunft die Hälfte des Programms mit Eigenproduktionen bestritten werden soll. Die Kana-TV-Serie "Masters at Work" gilt dabei als Vorbild: Die Reihe präsentiert Werke von äthiopischen Künstlern wie Sängern, Dichtern oder Modedesignern und hat beim Publikum großen Anklang gefunden.

Für den Kommunikationsleiter von Kana TV, Hailu Teklehaimanot, ist der Erfolg keine Überraschung: "Mainstream-Medien konzentrieren sich - sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene - auf den Mangel an Entwicklung auf der Makroebene. Auf der Mikroebene gibt es andere Erzählungen, in der inspirierte junge Menschen einfach neue Sachen ausprobieren."

Ein Beispiel ist die Masters-at-Work-Folge mit Girma Berta. Der Fotograf dokumentiert das Leben auf der Straße mit seinem Handy und zeigt wie Straßenkinder oder Händler ihr tägliches Leben meistern. "Die Botschaft, die ich jungen, an Fotografie interessierten Menschen vermitteln möchte, lautet: Habt keine Angst, neue Dinge auszuprobieren", sagt Berta in der Sendung.

Angriff aus äthiopische Kultur?

Doch Kana TV ist nicht unumstritten. Viele Äthiopier haben das Programm aus ihren Haushalten verbannt. "Ich lasse meine Familie Kana TV nicht sehen, sonst reden wir nicht mehr miteinander, wenn ich von der Arbeit heimkomme", meint ein Taxifahrer aus der Hauptstadt.

Kommentatoren kritisieren die ausländischen Seifenopern von Kana TV regelmäßig als Angriff auf die äthiopische Kultur. So meinte die Äthiopierin Mahder Sereke kürzlich auf Twitter, dass der staatliche Sender Ethiopian Broadcasting Service (EBS) einen weitaus besseren Job in der Repräsentation der äthiopischen Bevölkerung mache als der Unterhaltungssender: "Kana ist nicht für die äthiopische Kultur entwürdigend, sondern vor allem für Frauen."

Ungeachtet der Kritik könnte sich der Erfolgslauf von Kana TV weiter fortsetzen: Derzeit wird an einem Nachrichtenformat gearbeitet, mit dem der Marktanteil weiter ausgebaut werden soll. (Ende)

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