Äthiopien: Radikalisierung der Muslime befürchtet

Unzufriedenheit mit Religionspolitik der Regierung wächst

Von Ed McKenna | 16.10.2013

Addis Abeba. Muslime in Äthiopien werfen der Regierung vor, seit Jahren ihr Recht auf freie Religionsausübung zu beschneiden. Beobachter warnen nun davor, dass sie dadurch unter den Einfluss von Islamisten geraten könnten. Immerhin machen Muslime in dem mehrheitlich von Christen bevölkerten Staat 34 Prozent der insgesamt rund 91 Millionen Einwohner aus.

"Wenn auf ihre berechtigten Anschuldigungen nicht eingegangen wird, besteht das Risiko, dass gewaltbereite Extremisten die Unzufriedenheit ausnutzen, um ihre Ziele zu erreichen", sagt Mehari Taddele Maru, Leiter des Konfliktpräventionsprogramms für Afrika am Institut für Sicherheitsstudien im südafrikanischen Pretoria.

Seit mehr als zwei Jahren beteiligen sich Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft in Äthiopien an größeren Protesten gegen die Regierung. Bislang sind die Massendemonstrationen friedlich verlaufen. Der Anschlag somalischer Islamisten auf ein Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi am 21. September hat jedoch Befürchtungen geweckt, der islamistische Extremismus könne sich auch in Äthiopien ausbreiten. Zu der Tat hat sich radikale Bewegung Al Shabaab bekannt.

Salafistische Muslime beschuldigen die äthiopische Staatsführung, den Obersten Rat für islamische Angelegenheiten – die wichtigste islamische Institution des Landes – infiltriert zu haben. Seine religiösen Führer seien festgenommen und durch von der Regierung ausgesuchte Prediger der 'Al Habashi'-Religionsgruppe ersetzt worden.

'Al Habashi' gilt weithin als gemäßigte Alternative zu radikalen Gruppierungen wie den Wahhabiten. Die Salafisten sind wiederum sunnitische Muslime, die strenge und puritanische Regeln befolgen. Ihre Reformbewegung hat in den vergangenen Jahrzehnten in Afrika und auch unter den Muslimen in Äthiopien verstärkt Anhänger gefunden.

Zahlreiche Muslimführer verhaftet

Während der letzten zwei Jahre wurden in Äthiopien 29 Muslimführer festgenommen, unter ihnen hochrangige Geistliche und Organisatoren der Proteste. Die Regierung könne eine mögliche Verbreitung extremistischer Tendenzen am besten dadurch verhindern, indem sie auf die Kritik der Muslime eingehe, meint Terje Ostebo vom Zentrum für Afrika-Studien an der Universität von Florida. "Es ist gefährlich anzunehmen, dass Muslime, die für ihre religiösen Rechte eintreten, unter dem Einfluss Radikaler stehen. In den Debatten innerhalb der islamischen Gemeinschaft in Äthiopien geht es oft um Anerkennung. Junge Menschen versuchen ihre Identität als Äthiopier und Muslime zu finden."

Während des Ramadan-Festes im August hatten sich Tausende Muslime in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba versammelt, um auf die Anerkennung ihrer religiösen Rechte zu pochen. "Wir sind friedliche Muslime und protestieren dagegen, dass die Regierung unsere Anführer festnimmt. Wir sind keine Extremisten, auch unsere Lehrer nicht. Wir wollen nicht, dass die Regierung unsere Religionsausübung kontrolliert", sagte einer der Demonstranten, der gemeinsam mit seiner Frau und seinem Kind verprügelt worden war, weil er ein Schild mit der Aufschrift 'Lasst unsere Führer frei' trug. "Wir genießen keine Religionsfreiheit und werden stattdessen geschlagen, verhaftet oder erschossen", so der Mann, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen wollte.

Am 4. August waren 14 Muslime von staatlichen Sicherheitskräften getötet worden, als im Zentrum des Landes ein örtlicher Imam festgenommen werden sollte. Dafür wird die Regierung von international tätigen Menschenrechtsorganisationen scharf attackiert.

"Die Regierung reagiert weiterhin mit Gewalt, willkürlichen Festnahmen und weitgespannten Anti-Terror-Maßnahmen auf die Proteste der muslimischen Gemeinschaft. Die Führer der Bewegung und andere Personen werden verfolgt", unterstreicht Claire Beston von der Gefangenenhilfsorganisation 'Amnesty International'. "Damit wird das in der äthiopischen Verfassung verbriefte Recht auf friedliche Proteste verletzt. Die Regierung muss ihr repressives Vorgehen gegen Demonstranten beenden."

Demonstranten unter Extremismusverdacht

Aus Addis Abeba kommen aber weiterhin Vorwürfe, die Protestierenden seien Extremisten, die unter dem Einfluss von aus dem Ausland unterstützten Radikalen stünden. "Diese Demonstranten wollen Äthiopien in einen islamischen Staat verwandeln und uns zwingen, ihre Lehrer freizulassen", argumentiert Regierungssprecher Shimeles Kemal.

Er kann sich auf einen im Juni veröffentlichten Bericht des Europaparlaments berufen, in dem beschrieben wird, wie wahhabitische und salafistische Gruppen in Saudi-Arabien daran arbeiten, "Rebellengruppen auf der ganzen Welt zu unterstützen und mit Waffen zu versorgen".

Nach Ansicht von Mehari befürchtet die äthiopische Regierung aus gutem Grund, dass der Extremismus in der muslimischen Gemeinschaft Wurzeln schlagen könne. "Am Horn von Afrika lebt die drittgrößte muslimische Population der ganzen Welt. Die Stabilität hat wegen des Krieges in Somalia gegen die mit dem Terrornetzwerk Al Qaeda verbundene Organisation Al-Shabaab gelitten. Al-Shabaab hat mehrfach Äthiopien den heiligen Krieg erklärt."

1996 hatte 'Al Ittihad al Islamiya' (AIAI), die erste bekannt gewordene Terrororganisation Somalias, Bombenanschläge auf mehrere Hotels in Addis Abeba verübt. Dabei wurden fünf Menschen getötet. Die Gruppe, die ihre Basis in Somalia hatte, wollte einen islamischen Staat errichten, der ganz Somalia sowie Teile Äthiopiens, Dschibutis und Kenias einschließt. Obwohl AIAI vom äthiopischen Militär weitgehend zerschlagen wurde, wurden 2002 fünf Somalier wegen Bombenattentaten in Äthiopien zum Tode verurteilt. (afr/IPS)

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