Äthiopien: Mit Wasserkraft zum Stromversorger Ostafrikas

Land Grabbing und Vertreibung sind die Folge

Von Ed McKenna | 17.06.2013

Addis Abeba. Äthiopien will mit Wasserkraft zum führenden Stromproduzenten Afrikas werden. Doch der Plan, von dem es sich Wachstum und Entwicklung verspricht, gefährdet das Leben von Millionen Menschen, die auf das Nilwasser angewiesen sind. Kein anderer afrikanischer Staat investiert so viel Geld in Staudämme wie Äthiopien.

Ein Drittel seines Bruttonationaleinkommens in Höhe von 77 Milliarden US-Dollar gibt das Land für die Wasserkraftentwicklung aus. Alessandro Palmieri, ein Weltbank-Dammexperte, gibt zu bedenken, dass die geplanten Vorhaben zur Vertreibung von rund 500.000 Menschen führen werden. Gleichzeitig merkt er an, "dass ein fallender Baum mehr Lärm verursacht als das Nachwachsen von 10.000 Bäumen."

Palmieri zufolge wird der Fokus auf Wasserkraft dem ostafrikanischen Land Wachstum und Entwicklung bringen und andere afrikanische Länder dazu ermuntern, das Erfolgsmodell nachzuahmen. "Afrika nutzt derzeit nur sieben Prozent seines Wasserkraftpotenzials", rechnet der Weltbankexperte vor. "Sein Pro-Kopf-Wasserverbrauch ist somit schändlich gering."

Einem Weltbankbericht von 2010 zufolge haben nur 17 Prozent der 84,7 Millionen Äthiopier Zugang zu Strom. Das äthiopische Elektrizitätsunternehmen EEPCO will dafür sorgen, dass bis spätestens 2018 alle Bürger an das nationale Versorgungsnetz angeschlossen sind. Nach EEPCO-Angaben generieren die bislang sechs Wasserkraftwerke des Landes 2.000 Megawatt (MW). Nach Fertigstellung aller Dämme soll die Gesamtleistung bei 11.000 MW liegen.

Äthiopiens Plan, zum Kraftwerk des gesamten Kontinents zu werden, nahm am 28. Mai Form an, als das Land damit begann, einen Teil des Nilwassers für die 'Grand Ethiopian Renaissance'-Talsperre umzuleiten. Wird das Projekt wie geplant 2017 abgeschlossen, wird es das größte Stromprojekt Afrikas sein und 6.000 MW Strom produzieren. Der Stausee entsteht in der Benishangul-Gumuz-Region am Blauen Nil, der im äthiopischen Tana-See entspringt und der wichtigste Zufluss des Nils ist.

Umweltverträglichkeitsstudie zwei Jahre nach Projektbeginn

Doch das seit 2011 bekannte Vorhaben ist wegen zahlreicher ökologischer Folgen umstritten. So wurde die erste vorläufige Umweltverträglichkeitsstudie erst am 1. Juni – zwei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten – veröffentlicht. Die Untersuchung, die größere negative Auswirkungen für die Anrainer am Unterlauf des Flusses ausschließt, wurde von Ägypten als "irrelevant" bezeichnet.

Im Bau befindlich ist zurzeit auch der Gibe-III-Damm am Omo-Fluss im Südosten Äthiopiens, der 1.800 MW Strom erzeugen soll. Die Baukosten für das Projekt werden auf 1,7 Milliarden Dollar geschätzt. Die Regierung erhofft sich von dem Projekt jährliche Stromexporteinnahmen in Höhe von 400 Millionen Dollar.

Doch auch dieses Vorhaben ist umstritten. Nicht nur, dass die äthiopischen Gemeinschaften an den Ufern des Omo selbst keinen Strom erhalten werden, so "wird der Gibe-III-Damm für Chaos und Verwüstung sorgen und die Lebensgrundlage von Hunderttausenden Indigenen im Unteren Omo-Tal und im Umkreis des kenianischen Turkana-Sees zerstören", warnt Elizabeth Hunter von der internationalen Organisation für indigene Völker 'Survival International'.

Der Weltwasserrat (WWC), eine internationale Denkfabrik, die sich mit Wassermanagementfragen befasst, bescheinigt Äthiopien indes, in den letzten zehn Jahren Fortschritte bei der Entwicklung von Wasserkraft gemacht zu haben. Auch hätten sich die jährlichen Wasserspeicherkapazitäten von 40 auf 240 Kubikmeter Wasser pro Kopf erhöht.

"Die Wasserspeicherkapazitäten großer Dämme sind ökologisch von Vorteil, da sie Klimaanfälligkeit und –unsicherheit wie Hochwasser reduzieren können", erläutert der WWC-Vorsitzende Ben Braga. "Je größer die Speicherkapazitäten, umso größer die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel." Doch bis Äthiopien in der Lage sei, wie die USA 5.000 Kubikmeter pro Bürger und Jahr zu speichern, "ist es noch ein langer Weg".

Die Umleitung des Nils zur Grand Ethiopian Renaissance-Talsperre soll sich auch positiv auf die Stromversorgung der Nachbarländer auswirken. Die Regierung in Addis Abeba hat vor, ihrem nördlichen Nachbarn Kenia 2.000 MW zu liefern. Dschibuti bezieht bereits 80 Prozent seines Strom (50 bis 70 MW) aus Äthiopien. "Ist erst die nationale Nachfrage gedeckt, wird die überschüssige Energie in die Nachbarländer geleitet. Unsere Wasserkraft wird die wirtschaftliche Entwicklung am Horn von Afrika voranbringen", versichert Miheret Debebe von EEPCO im IPS-Gespräch.

Stromabwärts liegende Länder wie Ägypten werden künftig mit den Anrainern des Nilbeckens verhandeln müssen, damit sie auch weiterhin über Nilwasser verfügen. Für 160 Millionen Menschen am Unterlauf des Nils, die von dem Flusswasser abhängen, könnten sich die Wasserkraftpläne Äthiopiens als bedrohlich erweisen.

Menschenrechtsorganisationen warnen

An die Adresse der äthiopischen Regierung gerichtet warnen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) und Survival International vor den negativen Folgen von Menschenrechtsverletzungen für die Wasserkraftstrategien des Landes. Beide Organisationen haben bereits über Fälle von Gewalt und Einschüchterung berichtet, die darauf abzielen, indigene Gemeinschaften von ihrem Land im Unteren Omo-Tal zu vertreiben.

Für Journalisten ist es quasi unmöglich, ins Omo-Tal vorzudringen, weil das Gebiet von Sicherheitskräften abgeriegelt wird. Wohl ist es einem Mitarbeiter von Survival International gelungen, mit Mitgliedern der von den Projekten betroffenen ethnischen Gemeinden zu sprechen. So erfuhr er von einem Mitglied des lokalen Hirtenvolks der Mursi, dass die Regierung der Gemeinschaft mitgeteilt hat, mit ihrem Vieh aus dem Omo-Tal zu verschwinden und sich in einer Region niederzulassen, in der es weder Weiden noch Nahrung gibt. "Das bedeutet wohl", so der Mursi gegenüber dem Survival-Vertreter, "dass wir und unsere Nutztiere gemeinsam sterben werden." (afr/IPS)

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