Äthiopien: Griff nach den Sternen

Land will Weltraumforschungszentrum Afrikas werden

Von James Jeffrey | 13.06.2014

Addis Abeba. Hoch oben in den äthiopischen Entoto-Bergen sind die Arbeiten am ersten Observatorium des Landes so gut wie abgeschlossen. Hier, auf einem Hochplateau, das den Blick auf die Hauptstadt Addis Abeba freigibt, sollen künftig die Sterne und Galaxien zum Wohl des Landes und der Region studiert werden.

Solomon Belay, director of the Entoto Observatory and Research Centre, stands on the right-hand side of one of the observatory’s two telescopes situated in the Entoto Mountains, overlooking the Ethiopian capital, Addis Ababa. Credit: James Jeffrey/IPSSolomon Belay (rechts), Leiter des Entoto Observatoriums und Forschungszentrums, neben einem der beiden Teleskope der Sternwarte in den äthiopischen Entoto-Bergen (Bild: James Jeffrey/IPS).

"Weltraumtechnologie wird oft als Luxus betrachtet, der lediglich den Industriestaaten vorbehalten ist", meint Solomon Belay, Leiter des Entoto Observatoriums und Forschungszentrums. "Doch tatsächlich ist sie eine elementar wichtige Voraussetzung für Entwicklung in relevanten Bereichen wie Gesundheit, Energie, Ernährungssicherheit und Umweltmanagement."

Das äthiopische Hochland ist als Standort für die Sternwarte ideal. Hier, in 3.200 Meter Höhe, ist die Luft dünn und die Wolkenbildung ist über das ganze Jahr hinweg gering. In der Nähe von Lalibela, Standort der berühmten äthiopischen Felsenkirchen, ist in 4.200 Meter Höhe ein weiteres Observatorium geplant.

Arbeiten an Forschungskultur

Von beiden Sternwarten verspricht man sich eine neue Wissenschaftskultur, die die sozioökonomische Entwicklung des Landes befeuern soll, wie die Projektbeteiligten beteuern. Denn die Weltraumforschung könne sowohl den öffentlichen als auch den privaten Sektor voranbringen.

Wenn Josef Huber, Systemingenieur der deutschen Firma 'Astelco Systems', die die Teleskope für das Entoto Observatorium gebaut und installiert hat, über die Möglichkeiten der Sternforschung spricht, kommt er ins Schwärmen. Sie wirke nicht nur entwicklungs-, sondern friedensfördernd, meint er.

"Wenn Menschen zum ersten Mal den Saturn sehen, sind sie wirklich beeindruckt, gerade weil sich ihr normales Leben häufig auf ihr Heimatland und die Nachbarstaaten beschränkt", meint Huber, Mitglied des Vereins der Bayerischen Sternwarte München. "Wer die Möglichkeit hat, jenseits dieser Welt zu blicken, wird sich nicht mehr mit den Nachbarn streiten wollen – gerade weil er erkennt, dass ein Stern explodieren und eine ganze Galaxie auslöschen kann."

Die äthiopischen Sternwarten sollen Studenten von 33 lokalen Universitäten die Möglichkeit geben, sich fortzubilden und praktische Erfahrungen zu sammeln. Außerdem sollen sie internationale Wissenschaftler und Experten anziehen und Äthiopien für Afrika zu dem werden lassen, was Chile für Lateinamerika ist: ein regionales Astronomie- und Forschungszentrum.

Doch stößt das Projekt in dem ostafrikanischen Land auch auf Kritik. Die Medien bemängeln die Millionen-Ausgaben für die Weltraumforschung mit dem Hinweis darauf, dass Äthiopien ein nach wie vor armes Land sei. So müssen schätzungsweise 29 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen.

Das vier Millionen Dollar teure Entoto Observatorium verfügt über zwei Teleskope der Ein-Meter-Klasse, die jeweils sechs Tonnen schwer sind und etwa 1,5 Millionen Dollar gekostet haben. Es ist das Ergebnis der Bemühungen der vor zehn Jahren gegründeten Äthiopischen Gesellschaft für Weltraumforschung (ESSS), der es darum geht, im Land das Interesse an der Weltraumforschung zu wecken.

"Als die ESSS ihre Arbeit aufnahm, waren die meisten äthiopischen Politiker für die Weltraumforschung noch nicht empfänglich", meint der ESSS-Pressesprecher Abinet Ezra gegenüber IPS. "Die wissenschaftliche Entwicklung ist in Afrika kein leichtes Unterfangen. Wissenschaft bedarf eines gewissen Maßes an politischer Sichtbarkeit, um von der Politik ernst genommen und gefördert zu werden."

Bisher haben nur einige wenige afrikanische Länder wie Ägypten, Marokko, Nigeria und Südafrika eigene Weltraumprogramme gestartet, um Satelliten ins All schießen zu können. Doch werden sie bald Gesellschaft bekommen. Neben Äthiopien haben auch Ghana und Uganda solche Vorhaben gestartet. Angenommen wird, dass sie in einigen Jahren soweit sein werden, Satelliten ins All zu befördern.

Umdenken bei Politikern

"Inzwischen haben Äthiopiens Politiker erkannt, dass die Weltraumforschung dazu beitragen kann, die Entwicklung des Landes voranzubringen. Deshalb bemühen sie sich um die Gelder, die für den Bau der Observatorien und die Durchführung der Weltraumprogramme erforderlich sind", versichert Abinet.

"Die Astronomie wird dazu führen, dass sich junge Menschen mehr für Wissenschaft und Technologie interessieren", ist Belay überzeugt. "Und ein Weltraumprogramm kann in bedeutendem Maße dazu beitragen, dass sich Studenten plötzlich für physikalische und chemische Zusammenhänge interessieren."

"Schon als Kind wollte ich den Weltraum erforschen, konnte aber keinen Ort in diesem Land finden, an dem dies möglich gewesen wäre", meint der 24-jährige Eyoas Ergetu, der derzeit Mechanikingenieurswesen an der Universität von Addis Abeba studiert und zum Team der Mitarbeiter am Entoto Observatorium gehört. "Auch deshalb ist es für mich sehr spannend, hier zu arbeiten."

Der ESSS geht es zunächst darum, Äthiopien auf den Stand anderer afrikanischer Länder zu bringen, die bereits Satelliten ins All geschossen haben. Sie leistet derzeit Lobbyarbeit, um zu erreichen, dass die Regierung das Vorhaben unterstützt und Äthiopien innerhalb des nächsten Jahrzehnts über eigene Satelliten verfügt.

Mit Hilfe von Satellitenbildern lassen sich Aktivitäten wie Bergbau, Landwirtschaft und der Bau großer Infrastrukturmaßnahmen wie dem Renaissance-Millenniums-Damm beobachten. Das 2011 angekündigte Wasserkraftwerk ist aufgrund seiner möglichen negativen Auswirkungen auf die Umwelt umstritten. Bisher ist Äthiopien auf ausländische Satelliten angewiesen und muss für die dadurch bereitgestellten Leistungen bezahlen.

Eyoas wird nach eigenen Angaben ein Diplomstudium als Weltraumingenieur aufnehmen. "Wenn Äthiopien eigene Satelliten in die Umlaufbahn bringen will, braucht es Experten, die sie entwerfen", sagt er. "Und ich möchte einer von ihnen sein."

Erster Satellitenabschuss im nächsten Jahr

Die bisherigen Schritte sind vielversprechend. Im nächsten Jahr wird ein kleiner Satellit, der derzeit am Technologieinstitut von Addis Abeba (AAiT) entwickelt wird, der erste Äthiopiens sein, der zusammen mit 49 Satelliten etlicher ausländischer Organisationen im Rahmen des in Europa basierten QB50-Projekts mit einer Rakete ins All befördert wird.

Die Initiative zielt darauf ab, kleinen Weltraumforschungsmissionen einen nachhaltigen und bezahlbaren Zugang zum All zu ermöglichen. Das AAiT wurde als erstes afrikanisches Institut für die Teilnahme ausgewählt.

Und in diesem Jahr hat die Internationale Astronomische Union (IAU) ein wichtiges Abkommen mit ihren äthiopischen Partnern geschlossen, das vorsieht, das ostafrikanische Land zum ersten regionalen Knotenpunkt des IAU-Büros für Astronomie und Entwicklung zu machen. Dahinter steht das Bestreben der IAU, den Wert der Astronomie zum Wohl der globalen Gesellschaft zu nutzen.

"Entwicklung ist nicht immer nachhaltig", meint Belay. "Doch geht sie mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie einher, dann schon." (afr/IPS)

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