Äthiopien: Aus dem reichen kulturellen Erbe schöpfen

Modedesignerinnen wollen globalen Markt erobern

Von James Jeffrey | 28.03.2014

Addis Abeba. Für Äthiopiens Modeschöpferinnen ist das reiche kulturelle Erbe ihres Landes eine stetige Quelle der Inspiration. Nicht nur in ihrer Heimat haben sie damit Erfolg, sondern zunehmend auch im Ausland. Modedesign ist in dem ostafrikanischen Land inzwischen zu einem der erfolgreichsten Geschäftsfelder für Kleinunternehmerinnen geworden.

"Die Gewinnmargen liegen bei 50 bis über 100 Prozent", berichtet die 25-jährige Mahlet Afework, die in Addis Abeba das Label MAFI betreibt. Die zahlreichen Ethnien machten Äthiopien zu einem Paradies für Designer. Vom Dinguza-Stoffmuster der Volksgruppe der Dorze aus der Region Chencha ließ sich Afework für ihre neueste Kollektion anregen.

Kleine Firmen wie MAFI können sich in Äthiopien gut entwickeln, weil es dort keine großen Kaufhausketten gibt. Sie können mit wenig Geld gegründet werden und Käufer finden, die für handgefertigte Qualitätskleidung auch einen höheren Preis zu zahlen bereit sind.

Mode als Motor für die gesamte Wirtschaft

Die gesamte Wirtschaft des Landes profitiert inzwischen davon, dass das Interesse an der Textilindustrie Äthiopiens international zunimmt. Die Warenexporte kleiner Unternehmen mit höchstens zehn Mitarbeitern erhöhten sich zwischen 2008 und 2011 von etwa 14,6 Millionen US-Dollar auf 62,2 Millionen Dollar. Die äthiopische Regierung ist zuversichtlich, dass die Branche dazu beitragen kann, den gesamtwirtschaftlichen Produktionswert bis Ende 2015 auf rund 2,5 Milliarden Dollar zu steigern.

Mahlet Afework und andere Designerinnen kennen die traditionellen handgewebten Baumwollstoffe seit ihrer Kindheit. Von ihren Müttern und Tanten haben sie gelernt, Kleider zu schneidern und mit Stickereien zu verzieren. Das von Frauen geprägte Erbe soll nicht in Vergessenheit geraten. Afework arbeitet deshalb ausschließlich mit Weberinnen zusammen, auch um ihnen zu helfen, sich und ihre Familien in dem von Männern dominierten Sektor aus eigener Kraft zu ernähren.

Auch wenn viele Designerinnen ihr Handwerkszeug in der Familie gelernt haben, wäre eine formelle Ausbildung nach Ansicht von Afework durchaus erstrebenswert, damit die äthiopischen Modedesigner auf dem internationalen Markt besser bestehen können. Afework selbst hat sich einen Großteil ihres Wissens mit Hilfe des weltweiten Webs angeeignet.

Ein weiteres Problem sind die eingeschränkten Finanztransaktionsmöglichkeiten. In Äthiopien gibt es keine Niederlassungen ausländischer Banken. Kunden aus aller Welt tun sich aber schwer mit Überweisungen auf afrikanische Bankkonten, wie Fikirte Addis, Gründerin der Firma 'YeFikir Design', berichtet. Bisher verkauft sie ihre Produkte über die seit 2013 bestehende Online-Verkaufsplattform 'Africa Design Hub', die von US-Amerikanern betrieben wird.

"Nachdem wir mehrere Jahre in Ostafrika gelebt hatten, erkannten wir das Potenzial des afrikanischen Designs auf dem globalen Markt", sagt die Mitbegründerin der Plattform, Elizabeth Brown. Africa Design Hub will auch zu einem besseren Informationsaustausch zwischen den Unternehmern und ihren Kunden in aller Welt beitragen. Die meisten Abnehmer gibt es in den USA. Ab diesem Jahr sollen aber auch Kanadier und Asiaten wie Südkoreaner, Japaner und Taiwanesen als Kunden gewonnen werden.

"Modedesign in Äthiopien ist eine Mischung aus Tradition und Moderne", erklärt Fikirte Addis. Ihre Kleidungsstücke sind handgefertigt, und die Stoffe werden auf traditionellen Webstühlen nach jahrhundertealten Techniken hergestellt. "Ich liebe bei Kleidung das Traditionelle", sagt Rihana Aman, eine Café-Besitzerin in der Hauptstadt Addis Abeba, die bei YeFikir ein Hochzeitskleid kaufen will. "Heute bestehen viele Kleidungsstücke aus Stoffen, die nichts mehr mit der äthiopischen Tradition zu tun haben."

Ethische Produktionsstandards

Addis arbeitet direkt mit Webern zusammen und sucht sie persönlich auf, um sich von der Qualität ihrer Arbeit zu überzeugen. Ihr ist es auch wichtig, dass die Einnahmen der jeweiligen Dorfgemeinschaft zugutekommen und bei der Produktion ethische Standards eingehalten werden. Webereien, die Kinder für sich arbeiten ließen, kämen für eine Zusammenarbeit mit ihr nicht in Frage, sagt sie.

YeFikir-Kreationen haben aufgrund des enormen Produktionsaufwands ihren Preis. So kann ein Kleid durchaus 850 Dollar kosten. Eine riesige Summe in einem Land, in dem viele Menschen für einen Lohn von umgerechnet drei Dollar täglich arbeiten müssen

Afework findet ihre Käufer in der weiter wachsenden gehobenen Mittelschicht Äthiopiens, die für schöne und auf Traditionen zurückgreifende Kleidungsstücke auch einen höheren Preis zahlen wollen und können. Äthiopier seien sehr stolz auf die ethnische Vielfalt in ihrer Heimat, in der etwa 84 Sprachen und 200 Dialekte gesprochen werden, sagt sie. Viele legten Wert darauf, ihrer Verbundenheit mit dem Land durch das Tragen traditioneller Kleidung bei Hochzeiten und anderen Festen zum Ausdruck zu bringen.

MAFI stellt nicht nur Haute Couture, sondern vor allem tragefertige Mode her, die auf originelle Weise die Charakteristika des ethnischen Schmelztiegels verarbeitet. Mit diesem Modell hat Afework ganz offensichtlich Erfolg. 2012 stellte sie ihre Kreationen auf der 'African Fashion Week' in New York vor. Dennoch sei auf anderen Kontinenten immer noch nicht allen bekannt, dass es in Äthiopien überhaupt Modedesigner gebe, sagt sie.

Kooperation mit Kollegen in London

Ihren in London lebenden Kollegen Markus Lupfer muss sie hingegen nicht mehr von der Qualität dieser Mode überzeugen. "Äthiopien besitzt ein wundervolles und interessantes Kunsthandwerk", meint er. Der international bekannte Designer arbeitet seit 2010 mit äthiopischen Modeschöpfern zusammen. "Dass äthiopische Modeschöpfer zunehmend international anerkannt werden, hängt auch damit zusammen, dass die Nachfrage nach ethisch weinwandfreier Kleidung steigt", betont er.

Obwohl auch im eigenen Land rege Nachfrage besteht, sehen die äthiopischen Modeschöpferinnen den Markt der Zukunft vor allem im Ausland. Afework und Addis wollen deshalb in diesem Jahr den Internet-Auftritt ihrer Firmen ausbauen, um der ganzen Welt ihre Fähigkeiten zu zeigen. (afr/IPS)

| Tags: , , , ,

icon Ihre Meinung?

blog comments powered by Disqus