Ägypten: Verfolgt und rechtlos

Schiiten werden nach der Revolution verstärkt schikaniert

Von Cam McGrath | 08.05.2013

Kairo. Die Menschenmenge, die in dem Kairoer Viertel Baba El-Shaariya das Haus des Schiiten Mohamed Nour umstellt hat, schlägt aggressive Töne an. Sie wollten die Ägypter gegen die religiösen Überzeugungen der Schiiten "immunisieren", erklären die Protestierenden. Ansonsten drohe sich die schiitische Doktrin "wie ein Krebsgeschwür" über das ganze Land auszubreiten.

Nour, der als sunnitischer Muslim geboren wurde, trat vor fast zwei Jahrzehnten zum schiitischen Glauben über. Seit seine sunnitischen Nachbarn Anfang vergangenen Jahres von seiner Konversion erfuhren, wird er ständig bedroht und schikaniert. "Meine Nachbarn reden nicht mehr mit mir und wollen mich von hier vertreiben", klagt er. "Die Leute werfen Steine gegen mein Haus, bedrohen mich telefonisch und haben schon mein Auto in Brand gesetzt. Ich mache mir Sorgen um die Sicherheit meiner Familie."

Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten geht zurück auf den Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 nach Christus. In der heutigen Politik in Ägypten sind Feindseligkeiten gegen die schiitische Minderheit tief verwurzelt. Während seiner 29-jährigen Herrschaft soll der inzwischen gestürzte Präsident Husni Mubarak einen tiefsitzenden Hass gegen den Iran gehegt haben. Seine Außenpolitik war demnach darauf ausgerichtet, die 'schiitische Welle' zu begrenzen. Darunter versteht man die Überzeugung, dass der Iran die schiitische Vorstellung vom Islam in der arabischen Welt verbreiten wolle, um seinen Einfluss zu stärken.

Böses Blut zwischen den vorwiegend sunnitischen Ägyptern und dem schiitisch dominierten Iran entstand 1979 zu Beginn der Islamischen Revolution im Iran. Die beiden Länder brachen ihre diplomatischen Beziehungen ab, nachdem der damalige ägyptische Staatschef Anwar Sadat einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet und dem gestürzten iranischen Schah Reza Pahlavi Asyl gewährt hatte.

"Das Mubarak-Regime hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber der schiitischen Minderheit", sagte Ishaak Ibrahim von der Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR). "Man nahm an, dass alle Schiiten loyal gegenüber dem Iran wären. Ihre Aktivitäten wurden streng überwacht und ihre Versammlungen verboten. Viele Schiiten wurden unter fadenscheinigen Begründungen festgenommen."

Situation unter Mursi-Regierung verschlechtert

Nach Ansicht von Aktivisten hat Mubaraks Sturz 2011 kurzzeitig ein Fenster für die Schiiten geöffnet, deren Zahl auf 800.000 bis zwei Millionen geschätzt wird. Seit dem Amtsantritt der islamischen Regierung von Präsident Mohamed Mursi im vergangenen Jahr hat sich jedoch das Verhältnis wieder verschlechtert.

Der Staat verhänge weiterhin diskriminierende Maßnahmen gegen Schiiten, während nichts gegen die wachsende Gefahr durch salafistische Extremisten unternommen werde, kritisiert der bekannte schiitische Wissenschaftler Ahmad Rasem El-Nafis. "Unter Mursi ist jetzt alles noch viel schlimmer, weil es keine Sicherheit gibt. Die Salafisten verbreiten Lügen über uns und begehen Verbrechen, für die sie nicht bestraft werden." Auf El-Nafis war im Juli 2011 ein Mordanschlag verübt worden. Seinen Angaben zufolge erhält er fast täglich Drohungen.

Die Salafisten, eine radikale sunnitische Sekte, die von den Wahhabiten beeinflusst wird, mussten während der autoritären Herrschaft Mubaraks in den Untergrund gehen. Seit der Revolution organisieren sich ihre Mitglieder politisch. Bei den Wahlen im vergangenen Jahr errangen sie mehr als ein Viertel aller Stimmen und sind damit die stärkste Kraft nach der regierenden Muslimbruderschaft.

Der schiitische Islam hat in Ägypten eine lange Vorgeschichte. Kairo wurde im Jahr 969 von der schiitischen Fatimid-Dynastie gegründet, die das Land 200 Jahre lang regierte und seine Identität formte. Heute noch besuchen die Sunniten schiitische Heiligtümer wie die Schreine von El-Hussein und Sajeda Zeinab. Unwissentlich schließen sie schiitische Praktiken in ihre Traditionen und Begräbnisriten ein.

Laut El-Nafis kann man Sunniten und Schiiten nicht anhand ihres Verhaltens unterscheiden. "Die Unterschiede zwischen den islamischen Glaubensrichtungen sind künstlich und aus rein politischen Gründen überspitzt worden."

Um nicht verfolgt zu werden, üben die Schiiten ihren Glauben unter dem Schutz des Sufismus, einer mystischen Richtung des Islams, aus. Gemeinsam ist die Verehrung der Familie des Propheten Mohammed, der Ahl Al-Beyt. "Wir können uns immer noch nicht offen als Gruppe treffen", sagt El-Nafis. "Wenn ich mit anderen Schiiten in eine Moschee gehe, können wir sicher sein, dass man uns zusetzt."

Schiiten an religiösen Feiern gehindert

Im Dezember 2011 hinderten ägyptische Sicherheitskräfte Hunderte Schiiten daran, das Ashura-Fest in der den Schiiten heiligen El-Hussein-Moschee in Kairo zu feiern. Die Polizei holte die schiitischen Gläubigen mit Gewalt aus der Moschee, nachdem salafistische Gruppen sie beschuldigt hatten, "barbarische" Riten zu vollziehen.

Die Schiiten sind zudem Bigotterie und einem Rechtssystem ausgesetzt, das nach Ansicht von Menschenrechtsgruppen die Grundsätze der Religionsfreiheit verletzt. Im vergangenen Juli verurteilte ein Strafgericht Mohamed Asfour, einen schiitischen Konvertiten, zu einem Jahr Haft, weil er "einen religiösen Ort entweiht" und "die Gefährten des Propheten beleidigt hat".

Die Behörden warfen ihm vor, während des Gebets in einer Dorfmoschee einen Stein neben seinem Kopf platziert zu haben. Dies ist eine religiöse Gewohnheit, die von den Sunniten mit Argwohn gesehen wird. Asfour wurde festgenommen, nachdem ihn die Dorfbewohner wochenlang schikaniert hatten, nachdem sie von seiner Konversion erfahren hatten. Seine Schwiegerfamilie soll ihn sogar dazu gezwungen haben, sich von seiner Frau scheiden zu lassen.

Annährungsversuche der Mursi-Regierung an den Iran rufen in Ägypten unter konservativen Sunniten Empörung hervor. So wurde der Präsident scharf dafür kritisiert, im vergangenen August einen Regionalgipfel in Teheran besucht zu haben. Und der iranische Staatschef Mahmud Ahmadinedschad wurde bei einem Besuch in der ägyptischen Hauptstadt im Februar mit Schuhen beworfen. (afr/IPS)

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