Ägypten: Offensive gegen sexuelle Übergriffe

Frauen in Kairo bringen Männer auf Kurs

Von Annabell Van den Berghe | 22.11.2013

Kairo. Nihal Saad Zaghloul ist eine Frau in den 20ern. So wie andere Ägypterinnen in Kairo muss sie jederzeit damit rechnen, sexuell belästigt zu werden. Doch die Revolution in ihrem Land hat sie gelehrt, dass Menschen, wenn sie sich zusammenschließen, Änderungen herbeiführen können. Ihre Organisation will der sexuellen Gewalt ein Ende bereiten.

Während in dem nordafrikanischen Land seit Ende des Volksaufstands politische Stabilität und soziale Sicherheit auf sich warten lassen, kommt es häufig zu Gruppenvergewaltigungen. Angesichts dieser Bedrohung hat Zaghloul mit einer Freundin die Organisation 'Basma' gegründet, die in den Straßen der 30 Millionen Einwohner zählenden Metropole auf das Problem der sexuellen Gewalt aufmerksam macht.

Nachdem Dutzende Freiwillige dem Aufruf der Aktivistinnen gefolgt waren, Basma zu unterstützen, schwärmten sie im letzten Jahr erstmals aus, um in Metrostationen und die Straßen im Umfeld des Tahrir-Platzes offensiv für ein Ende der sexuellen Gewalt gegen Frauen einzutreten.

Zaghloul ist überzeugt, dass sich mit Bildung und Aufklärung viel erreichen lässt. "Unser Bildungssystem versagt", ist sie überzeugt. "Staatliche Schulen sind ineffektiv, und private Bildungseinrichtungen zu teuer. Das hat dazu geführt, dass viele junge Leute in Ägypten ungebildet sind. Viele lungern herum, sind zu Tode gelangweilt und misshandeln Frauen", meint Zaghloul.

So gut wie keine Ägypterin ist sicher

In Ägypten kommt es häufig dazu, dass Frauen von Männern sexuell angegangen werden. Dies belegt eine im April von der UN-Frauenorganisation herausgegebene Studie, der zufolge 99,3 Prozent der Ägypterinnen solche Erfahrungen bereits gemacht haben. Doch mit Basma will Zaghloul dies ändern. Immer wenn sie und ihr Team beobachten, wie ein junges Mädchen belästigt wird, treten sie den Angreifern entgegen und stellen sie zur Rede.

Die ersten Monate waren für die Aufklärerinnen hart, wie sie selbst berichten. Die Polizei, die selbst häufig genug an sexuellen Belästigungen beteiligt sei, habe die Initiative nicht ernst genug genommen und dadurch mehr Schaden denn Nutzen verursacht.

Doch Zaghloul zufolge hat sich seit einigen Monaten einiges zum Guten gewendet. Zum ersten Mal unterstützen die Sicherheitskräfte die Initiative und beteiligen sich an den Präventionsmaßnahmen. Auch werden in den Metrostationen inzwischen mehr weibliche Sicherheitskräfte eingesetzt. Mangal ist eine von ihnen. Das ehemalige Mitglied der Sittenpolizei und ihre neun Kolleginnen sind fest entschlossen, die Sicherheit in den U-Bahn-Stationen wieder herzustellen.

Belästigungen sind ein alltägliches Problem. Doch während islamischer Festivitäten wie dem derzeit stattfindenden Elf Eid laufen die privaten und staatlichen Maßnahmen zum Schutz von Frauen auf Hochtouren. Die Innenstadt von Kairo ist seit jeher ein Ort, an dem sich sexuelle Übergriffe häufen. Seit letztem Jahr ist die geschlechtsspezifische Gewalt so sehr ausgeufert, dass sich viele Frauen fürchten, die Wohnung zu verlassen.

In den ersten Tagen der ägyptischen Revolution von 2011, als Familien den Tahrir-Platz bevölkerten und ein Gefühl der Solidarität vorherrschte, hielten sich die Übergriffe weitgehend in Grenzen. Doch 18 Tage vor dem Sturz des damaligen Staatspräsidenten Husni Mubarak (1981-2011) erreichte die sexuelle Gewalt wieder ein bedrohliches Ausmaß.

Das Problem lässt sich Beobachtern zufolge nicht mit politischen oder religiösen Strömungen in Verbindung bringen, sondern scheint in den letzten Jahrzehnten zu einem Merkmal der ägyptischen Kultur geworden zu sein.

Mangal patrouilliert derzeit vor allem Ägyptens U-Bahn-Stationen. Wie sie berichtet, habe Basma dafür gesorgt, dass sie und ihre weiblichen Kolleginnen größere Befugnisse hätten und übergriffige Männer unverzüglich festnehmen können. Seit den 1990er Jahren gibt es U-Bahn-Abteile für Frauen. Doch immer wieder kommt es vor, dass Männer, kurz bevor die Türen schließen, in die Frauenabteile eindringen, um die dort anwesenden Frauen sexuell zu belästigen.

"Meist haben sie viel zu viel Angst und schauen weg, wenn eine Mitfahrerin begrabscht wird", berichtet Zaghloul. "Doch sich eine Frau die Stimme erhebt, folgen ihr meist die anderen. Auch aus diesem Grund habe wir unsere Initiative gründet: Wir wollen, dass jede den Mut hat, ihre Stimme zu erheben."

Mehr Polizistinnen gefordert

Erst vor einem Jahr hatte sich ein ägyptisches Mädchen namens Samira getraut, einen Angreifer vor Gericht zu bringen. Sie hat das Verfahren sogar gewonnen. Solche gute Nachrichten sind eher selten. Frauen werden in der Regel immer noch als die Anstifterinnen und weniger als die Opfer sexueller Attacken betrachtet. "Aus diesem Grund ziehen sie es viele vor, die Übergriffe geheim zu halten", weiß Zaghloul. "Schlimmer noch: Wenn sich ein Mädchen um Hilfe an die Polizei wendet, muss es befürchten, von den Polizisten belästigt zu werden. Der verstärkte Einsatz weiblicher Beamten ist deshalb ein Muss."

In den letzten Jahrzehnten war der Anblick weiblicher Polzisten unvorstellbar. Diese Jobs waren ausschließlich Männern vorbehalten gewesen. Nachdem Zaghloul und ihre Mitstreiterinnen monatelang in Metrostationen und den überfüllten Straßen Kairos patrouillierten, können sie sich nun auf die Unterstützung von Polizistinnen wie Manal verlassen.

"Vor 50 Jahren gab es ebenso viele weibliche wie männliche Polizisten", berichtet Manal im IPS-Gespräch. "Zu diesem Gleichgewicht müssen wir zurückfinden. Nur so können Ägyptens Frauen sicher sein, in den Straßen von Kairo in Ruhe gelassen zu werden." Auch wenn es noch immer schwierig ist, die Täter strafrechtlich zu belangen, so ermutigt die Polizistin alle weiblichen Opfer, Anzeige zu erstatten.

Viele Ägypterinnen können keine Fortschritte erkennen. Ein Beispiel ist die 25-jährige Hend Elbalouty, die zusehen musste, wie ihre Schwester von einer Gruppe von Männern auf dem Tahrir-Platz angefallen wurde. Die Untersuchungen seien nicht zufriedenstellend durchgeführt worden, sagt sie.

"Wir befinden uns wieder am Anfang", so Elbalouty frustriert. "Wir haben es mit einem Polizeistaat zu tun, der nicht eingreift. Die Tatsache, dass Frauen nun mehr Macht haben, bedeutet nicht, dass die Rechtlosigkeit innerhalb des ägyptischen Rechtssystems überwunden ist." Hinzu kommt, dass Rollenstereotypen tief in der ägyptischen Gesellschaft verwurzelt sind. "Frauen sollten keine Verbrecher jagen", meint etwa Mohamed Khamees, ein U-Bahn-Fahrer.

Doch Zaghloul lässt sich nicht entmutigen. "Die Polizei geht endlich in die Verantwortung. Es wird noch eine Weile dauern, bis Männer die Autorität von Frauen anerkennen. Doch der Anfang ist gemacht." (afr/IPS)

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