Ägypten: Nildelta versinkt im Meer

Wirksame Schutzmaßnahmen gelten als zu teuer

Von Cam McGrath | 05.02.2014

El Rashid. "Schon eine dünne Lage Meerwasser reicht aus, um das Land unfruchtbar zu machen", sagt Mohamed Saeed. Seit Jahren beobachtet der Bauer, wie sich die See immer weiter auf seine zwei Hektar große Parzelle zubewegt. Nur noch 400 Meter trennen sein Kleefeld von Ägyptens Nordküste. In weniger als zehn Jahren, da ist er sich ganz sicher, wird sein Land verschwunden sein.

Doch schon vorher werden die Pflanzen absterben, weil immer neues Meerwasser in den lokalen Aquifer dringt. "Die Böden sind schon krank", hat der junge Farmer festgestellt. "Damit hier überhaupt noch etwas gedeiht, müssen wir Unmengen an Dünger einsetzen."

Das rund 25.000 Quadratkilometer große und mit 40 Millionen Menschen dicht bevölkerte Nildelta ist die Kornkammer Ägyptens. Hier konzentrieren sich zwei Drittel der landwirtschaftlichen Produktion des Landes. Die nördliche Flanke des Deltas, die sich über eine Länge von 240 Kilometern von Alexandria bis nach Port Said erstreckt, gehört aufgrund einer Dreifachbedrohung – Küstenerosion, Salzwasserintrusion und Meeresspiegelanstieg – zu den fragilsten Küstenlandschaften der Welt.

Khaled Ouda ist Geologe an der Assiut-Universtät. Er rechnet vor, dass schon ein Meeresspiegelanstieg von 30 Zentimetern 6.000 Quadratkilometer des Nildeltas unter Wasser setzen würde. Auf einer Fläche von weiteren 2.000 Quadratkilometern würden einzelne Ortschaften, Straßen, Felder und Industrieanlagen als Inseln aus dem Meer herausragen. "Sollte der Meeresspiegel bis Ende des 21. Jahrhunderts um einen Meter steigen, wären 8.033 Quadratkilometer landunter. Das entspricht in etwa einem Drittel des gesamten Nildeltas", fügt Ouda hinzu.

Der Weltklimarat (IPCC) geht inzwischen davon aus, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 zwischen 28 und 98 Zentimeter steigen wird. Die Schätzungen übersteigen die Prognosen von 2007 um dass Zweifache. Selbst wenn man von den konservativsten Vorhersagen ausgeht, werden 12,5 Prozent der landwirtschaftlichen Produktivflächen Ägyptens zerstört und etwa acht Millionen Menschen – ein Zehntel der Bevölkerung – vertrieben werden.

Überlebenswichtiger Schlammnachschub unterbrochen

Als hätte das Land mit diesem Problem noch nicht genug, sieht es sich mit einer weiteren katastrophalen Entwicklung konfrontiert: Das Delta schrumpft. Vor dem Bau des Assuan-Hochdamms in den 1960er Jahren wurden jedes Jahr mehr als 120 Millionen Tonnen Schlick flussabwärts ins Nildelta geschwemmt. Doch seitdem dieser natürliche Regenerationsprozess unterbrochen ist, verliert das Gebiet an Substanz. An einigen Stellen versinkt jährlich ein 175 Meter breiter Küstenstreifen im Meer.

Die ägyptische Regierung versucht mit Wellenbrechern und Deichen die Küstengebiete und Süßwasserreservoire zu schützen. Wälle aus Zementblöcken hindern das Meer zwar daran, sich noch mehr Land einzuverleiben. Doch da der Schlammnachschub ausbleibt, befinden sich inzwischen tausende Hektar Land auf Meeresspiegelniveau.

"Du kannst soviele Wälle bauen, wie du willst – es wird dir nicht gelingen, dass unterirdisch vorrückende Meer aufzuhalten", meint Osman El-Rayis, Chemiker an der Alexandria-Universität. "Das Salzwasser greift die Felder von unten her an, tötet die Pflanzenwurzeln und hinterlässt Salz, das den Boden unfruchtbar macht." Da das Deltasubstrat immer poröser wird, drängt auch immer mehr Salzwasser in den Nildelta-Aquifer vor. Diese wichtige unterirdische Süßwasserreserve nimmt eine Fläche von 2,5 Millionen Hektar ein.

Salzwasser ist von jeher eine Gefahr für die Landwirtschaft der Küstenregionen. Doch hielt sich das Problem aufgrund des ständigen Frischwasserzuflusses in Grenzen. Hinzu kommt, dass das Bevölkerungswachstum auch die Nachfrage nach Wasser am Oberlauf des Nils erhöht, was wiederum dazu führt, dass noch weniger Süßwasser das Delta erreicht. Zudem ist die kostbare Ressource mit Abwässern und Industriegiften verseucht.

Der Anstieg des Meeres und die Versalzung der Böden haben viele Bauern veranlasst, sich auf den Betrieb von Fischfarmen zu verlegen. Andere sind dazu übergegangen, ihre Felder mit Sand aufzuschütten, um sie vor dem Brackwasser zu schützen. Doch Saeed zufolge "funktioniert das nur, wenn man intensiv düngt".

Dünen geplündert

Den Sand holen sich die Bauern aus den Dünen im Norden des Landes. Eine problematische Verfahrensweise, denn die Dünen fungieren dort als natürliche Wellenbrecher. Sie zu plündern macht das Nildelta nur noch anfälliger für die Invasion des Meeres. Wissenschaftler fordern deshalb Anti-Erosionsmaßnahmen wie den Schutz der natürlichen Wälle und den Bau von Deichen, die stark genug sind, dem Mittelmeer zu trotzen.

Diese Deiche müssten Ouda zufolge an allen abschüssigen Küstenstreifen hochgezogen und mit einer undurchlässigen Haut überzogen werden. Zudem müsste das Fundament in drei bis 13 Meter Tiefe gelegt werden, was ein extrem teures Unterfangen wäre, wie aus einem Kostenvoranschlag des ägyptischen Ingenieurs Mamdouh Hamza hervorgeht. Darin ist von drei Milliarden US-Dollar die Rede. Der Plan sieht allerdings vor, das gesamte Nildelta mit Zementmauern vom Meer abzuschirmen, die mit der empfohlenen wasserundurchlässigen Plastikschicht überzogen wären.

Ouda hält das Projekt für eine empfehlenswerte aber unrealistische Rettungsaktion. Die ägyptische Regierung sei nicht in der Lage und die internationale Gemeinschaft nicht gewillt, den Betrag aufzubringen. Doch andere Stimmen wenden ein, dass die westlichen Industriestaaten als Hauptverursacher des Klimawandels mit der Finanzierung des Projekts eine Art Wiedergutmachung leisten könnten. (afr/IPS)

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