Ägypten: Kopten bangen um ihre Zukunft

Verantwortliche für Massaker bleiben straffrei

Von Mel Frykberg | 05.11.2012

Kairo. Der Kairoer Vorort Maadi ist eine ruhige grüne Oase, in der von der lauten und überfüllten Stadt nichts zu spüren ist. Wohlhabende Muslime und koptische Christen leben hier in trauter Eintracht. Die religiös motivierte Gewalt in anderen Teilen Ägyptens lässt jedoch auch die Christen in Maadi um ihre Zukunft in dem Land fürchten.

"Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Maadi ist freundschaftlich. Wenn ich in meiner Soutane über die Straße gehe, werde ich von den meisten Leuten gegrüßt und mit Respekt behandelt", sagt Pater Makarious Morris, der in dem Vorort seit 20 Jahren für die koptische Kirche des Heiligen Markus zuständig ist.

Nicht überall ist eine solche Toleranz gegenüber den verschiedenen Glaubensrichtungen zu beobachten. An einigen Orten kommt es regelmäßig zu Gewaltausbrüchen, bei denen Menschen zu Tode kommen. Die Kopten, die etwa zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung ausmachen, sind bei Zusammenstößen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen oft die Hauptleidtragenden.

Die Kopten in Kairo gedachten kürzlich des Massakers von Maspero. Am 9. Oktober 2011 richteten ägyptische Sicherheitskräfte ein Blutbad unter friedlichen Demonstranten an, die gegen die Zerstörung einer 80 Jahre alten Kirche in Oberägypten durch salafistische Extremisten protestierten. Kopten zogen vor das so genannte Maspero-Gebäude des staatlichen Rundfunks im Zentrum von Kairo.

Die Christen hatten sich geweigert, wie von den Salafisten gefordert, den Kirchturm zu entfernen. Die Behörden erklärten daraufhin, dass die Kirche ohne Genehmigung errichtet worden sei. "Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Christen in Ägypten diskriminiert werden", sagt Morris."Bevor eine neue Kirche gebaut oder eine bestehende verändert werden darf, ist von Gesetz wegen eine Genehmigung notwendig. Muslime hingegen können zumeist frei entscheiden, wann und wo sie Moscheen bauen."

Christliche Kirchen heimlich gebaut

Wie der koptische Geistliche erklärt, sah sich seine Religionsgruppe daher dazu gezwungen, ihre Kirchen heimlich zu errichten. "Wenn die Behörden darauf aufmerksam werden, ist es meist schon zu spät. Sie vermeiden eine gewaltsame Auseinandersetzung, um nicht international verurteilt zu werden."

In Oberägypten sei dagegen im vergangenen Jahr die Lage eskaliert und die Kirche zerstört worden, berichtet Morris. Sicherheitskräfte hätten dann bei den friedlichen Protesten in Kairo in die Menge gefeuert. Viele Menschen seien außerdem von Panzerfahrzeugen überrollt worden. Gegen die beteiligten Offiziere wurden keine rechtlichen Schritte eingeleitet. Lediglich zwei Soldaten erhielten Haftstrafen von zwei und drei Jahren.

Diskriminierend ist außerdem, dass Christen keine hohen Posten in Regierungsinstitutionen und in der Armee übernehmen können. Ganz gleich, wie patriotisch sie sind. Die Führungspositionen sind für Muslime reserviert", sagt Morris. "Im Geschäftsleben sieht es anders aus. Mehrere bekannte christliche Unternehmer sind sehr reich geworden und haben Firmenimperien aufgebaut."

Morris' Gemeinde in einem kleinen Teil von Maadi hat etwa 1.500 Mitglieder. Seit die islamistische Muslimbruderschaft an die Macht gekommen sei, versuchten elf Familien auszuwandern, erzählt er. Sie seien in Sorge über die Zukunft ihrer Kinder.

Arabischunterricht stark auf Koran ausgerichtet

"Arabisch steht in den Schulen auf dem Lehrplan. Etwa ein Viertel des Sprachunterrichts basiert auf dem Koran. Die Behörden argumentieren, dass das arabische Sprachniveau im Koran von hoher Qualität ist. Alle Kinder müssen also den Koran lernen, gleichgültig, welcher Religion sie angehören", erläutert der Pater.

Eine 33-jährige Mutter von zwei 13-jährigen Zwillingstöchtern will aus Angst vor der Zukunft das Land verlassen. "Ich möchte nicht, dass meine Töchter wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden, so wie dies in Saudi-Arabien der Fall ist", sagte die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. "Sie sollen Autofahren lernen, einen Beruf nach ihren Wünschen ergreifen und sich ihren Wünschen entsprechend kleiden dürfen, ohne ihren Kopf bedecken zu müssen."

Ägypten reagiert zunehmend empfindlich auf Kritik am Islam. Dies wurde nicht zuletzt durch die gewaltsamen Proteste gegen ein in den USA produziertes Video deutlich, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wurde. "Die Grenze zwischen Kritik und Beschimpfung verschwimmt immer mehr", sagt Morris. "Wir wollen aber nicht, dass es hier so wird wie in Pakistan und Afghanistan."

Vor kurzem wurde ein Kopte von den ägyptischen Behörden festgenommen, als er ein Video drehen wollte, das alle Religionen kritisierte. Alber Saber Ayad, der sich 2011 an dem Aufstand während des so genannten Arabischen Frühlings beteiligt hatte, wurde der 'Diffamierung von Religion' bezichtigt. Ihm drohen nun sechs Jahre Gefängnis. (afr/IPS)

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