Ägypten: Gefährliche Fangtouren in fremden Gewässern

Fischer als Geiseln genommen

Von Cam McGrath | 02.04.2013

Kairo. Für ägyptische Fischer ist es so riskant wie nie, ihren Beruf auszuüben. Um ihre Netze zu füllen, müssen sie immer weiter aufs Meer hinausfahren, manchmal bis zum Golf von Aden. Dort lauern aber oft Piraten. Andere Fischer müssen damit rechnen, von der libyschen Küstenwache beschossen oder Monate lang in schmuddeligen Gefängnissen festgehalten zu werden.

"Die Fischerei ist zu einem Spiel mit einem hohen Einsatz geworden", meint Ayman, Crewmitglied eines ägyptischen Trawlers. Nach jahrzehntelanger Überfischung sei in den Küstengewässern seines Landes kaum noch etwas zu holen. Viele kommerzielle Fangschiffe fahren auf der Suche nach reicheren Fanggründen inzwischen von Ägypten bis in die Gewässer Maltas, der Türkei und Dschibutis.

"Fischen ist in Ägypten sehr schwierig. Oft verdienen wir nicht genug, um Benzin und Ausrüstung zu kaufen", erzählt Ayman. "Wir können mehr Fische in den Gewässern Libyens und anderer Staaten fangen, aber die Fahrt dahin ist gefährlich. Die Küstenwachen dieser Länder können unsere Boote versenken, uns festnehmen oder noch Schlimmeres mit uns machen. Wir brauchen den Fisch aber, um unsere Familien zu ernähren."

Die jährliche Fangmenge kommerzieller Fischer in Ägypten stagniert seit fast zehn Jahren bei etwa 125.000 Tonnen. Diese Zahlen geben allerdings keinen Hinweis darauf, dass die Gewässer verschmutzt und überfischt sind. Ein großer Teil der Fische stammt inzwischen aus entlegenen Gebieten und extra-territorialen Gewässern.

Konkurrenz ist groß

Mehr als 4.000 kommerziell genutzte Boote verfügen über Genehmigungen, im Mittelmeer vor Ägypten zu fischen. Weitere 120 sind im Roten Meer zugelassen, während 40.000 Kähne ohne Motoren in der Nähe der insgesamt 2.500 Kilometer langen Küsten auf Fangfahrten gehen.

Madani Ali Madani von der ägyptischen Generalbehörde für Fischereientwicklung (GAFRD) sieht das Problem weniger in der Überfischung als in der schlechten Verteilung. Der größte Teil der ägyptischen Fangflotte läuft entweder aus Häfen an der Nilmündung in das Mittelmeer aus oder startet von Suez aus in Richtung Rotes Meer.

"All diese Boote konzentrieren sich auf sehr kleine Fanggebiete und entfernen sich höchstens fünf Kilometer von der Küste", sagt Madani. "Einige sind zwar so ausgerüstet, dass sie weiter hinausfahren könnten, aber sie bleiben lieber in Küstennähe. Viele werfen vor Libyen ihre Netze aus. Und da beginnt der Ärger."

Sami Ibrahim ist einer der 16 Fischer, die 2010 festgenommen wurden, als ihr Boot in libysches Hoheitsgewässer geriet. Wie Ibrahim gegenüber lokalen Zeitungen berichtete, wurde die ägyptische Besatzung neun Monate lang festgehalten. Während dieser Zeit seien er und der Rest der Mannschaft misshandelt worden. Für die Verpflegung in der Gefangenschaft hätten die Männer selbst aufkommen müssen, erinnert er sich.

Die Fischer kamen erst wieder frei, nachdem die ägyptischen Behörden eine hohe Geldstrafe gezahlt hatten. Das Außenministerium in Kairo schreitet generell erst dann ein, wenn Bootseigner ihre Crew nicht freikaufen wollen oder können. Nach Angaben des Ministeriums sind bereits Hunderte ägyptische Fischer festgenommen und ihre Boote beschlagnahmt worden.

Laut Madani sind lediglich zehn ägyptische Boote für 90 Prozent der Verstöße gegen die Hoheitsrechte verantwortlich. "Es handelt sich um Wiederholungstäter", erklärt er und fügt hinzu. "Wir haben herausgefunden, dass diese Leute für private libysche Firmen arbeiten."

Alaa El-Haweet, ein Berater im Fischereiwesen, bestätigt, dass einige Besatzungen in der Illegalität operieren. Viele Boote seien bereits konfisziert worden, obwohl sie keine Netze ausgeworfen hätten. "Jahrelang war die Westküste Ägyptens militärisch abgeriegelt", sagt er. "Seit zehn Jahren ist das Gebiet wieder zugänglich. Seither fahren Fischerboote von dort bis nach Malta, wo sie fischen dürfen. Um dorthin zu gelangen, müssen sie allerdings libysches Hoheitsgewässer durchqueren."

Katz-und Maus-Spiel

Ägyptische Fischer klagen, dass die Route westwärts entlang der nordafrikanischen Küste immer gefährlicher wird. Mit ihnen werde dort ein regelrechtes Katz- und Maus-Spiel veranstaltet, beschweren sie sich. Im September 2012 erschoss die tunesische Küstenwache zwei ägyptische Fischer und verletzte zwei weitere, als ihr Boot in tunesisches Gewässer eindrang.

Im Mai eröffnete ein libysches Patrouillenboot das Feuer auf die ägyptische 'Eagle of the East', nachdem diese angeblich in libysches Hoheitsgebiet eingedrungen war. Vier der zwölf Besatzungsmitglieder wurden dabei schwer verletzt.

Auch das Rote Meer birgt offensichtlich große Gefahren. Anfang März wurde dort ein Fischer angeschossen, als bewaffnete Jemeniten das Schiff überfielen, die Ladung raubten und die Crew als Geiseln nahmen. Im Golf von Aden, wo die Piraterie eine ständige Bedrohung darstellt, wurde seit 2005 mindestens ein Dutzend ägyptischer Boote angegriffen oder gekapert. (afr/IPS)

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