Ägypten: Fischsterben im Nil

Staudamm von Assuan und Abwässer vernichten Arten

Von Cam McGrath | 08.04.2013

Kairo. Ein 4.200 Jahre altes Relief im Grab des ägyptischen Wesirs Mereruka in Sakkara zeigt die schier überwältigende Vielfalt an Fischen, die einst im Nil und den angrenzenden Feuchtgebieten zu finden war: Fischer ziehen prall gefüllte Leinennetze aus dem Wasser, die auch den als heilig verehrten Nasennilhecht beinhalten, der zwar gefangen, aber niemals verspeist wurde.

Doch Ibrahim Abdallah, ein Dorfältester, berichtet, dass viele Fischarten, die er in seiner Kindheit kannte, inzwischen vollständig aus dem Fluss verschwunden sind. "Und von den überlebenden Spezies sind wegen der Überfischung nur wenige Exemplare übrig geblieben." Abdallah erinnert sich an Fische von der Größe einer Bratpfanne, die unter dem Namen 'Kawara' bekannt waren. "Wir haben sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen", sagt er.

Etwa die Hälfte der Fischarten im Nil, die auf antiken Reliefs zu sehen sind, kann man in ägyptischen Gewässern nicht mehr finden. Forscher schätzen, dass in den vergangenen Jahren bis zu 35 Spezies aus dem Unterlauf des Nils verschwunden sind, darunter der Elefantenfisch und der Rote Buntbarsch. Dutzende weitere Arten gelten als bedroht.

Problemfall Assuan-Staudamm

Nach Angaben von Justin Grubich, Biologe an der Amerikanischen Universität in Kairo, hat die Nilfischerei katastrophale Einbrüche erlebt, seit in den sechziger Jahren der Assuan-Hochdamm gebaut wurde. Der Staudamm, der die Wirkung einer Barriere hat, hindert viele Fischarten an der Migration und Fortpflanzung. Zudem gelangen Millionen Tonnen Treibsand und organische Stoffe nicht mehr in den Nil-Unterlauf.

"Der Hochdamm wurde gebaut, um die Flut in der Regenzeit unter Kontrolle zu halten und eine nachhaltigere Landwirtschaft zu ermöglichen", erklärt Grubich. "Zwar hilft er dabei, den Wasserstand zu regulieren. Flussabwärts fehlen aber Erdreich und Nährstoffe, die für die Wasserlebewesen wichtig sind."

Die Auswirkungen sind mehr als 1.200 Kilometer weiter flussabwärts deutlich erkennbar. Ohne Sedimente zieht sich das Nil-Delta zurück, in manchen Zonen um mehrere Meter jährlich. Die Küstenerosion hat dazu geführt, dass Meerwasser in mehrere flache Seen an der Nilmündung eindrang. Süßwasserfische wurden daraufhin durch den Salzgehalt des Wassers getötet. Raubfische aus dem Ozean drangen in Laichgebiete vor und vernichteten den Nachwuchs.

Bereits in den siebziger Jahren stellten Wissenschaftler einen Rückgang der Artenvielfalt in den vom Nil gespeisten vier Süßwasserseen nahe der Mündung fest. Untersuchungen des Nationalen Instituts für Ozeanografie und Fischerei (NIOF) zufolge kommen im Manzala-See nur noch 34 Fischarten vor, während es ein halbes Jahrhundert zuvor noch mehr als 50 waren. Ähnlich schlecht ist es um den nahegelegenen Burullus-See bestellt, in dem sich zu viel Brackwasser befindet.

Auch die Wasserverschmutzung hat stark zugenommen. Mehr als 4,5 Millionen Tonnen Industrieabwässer, von denen 50.000 Tonnen mit gefährlichen Schadstoffen durchsetzt sind, werden laut dem ägyptischen Umweltministerium Jahr für Jahr in den Nil eingeleitet. Hinzu kommen ungeklärte Abwässer aus Landwirtschaft und Haushalten, die Fische und andere Lebewesen im Nil vergiften. Besonders hoch ist die Konzentration in den Seen an der Mündung.

Tödliche Giftkonzentrationen im Wasser haben einige Buntbarscharten ausgerottet, die einst reichlich im Nil-Delta und in den nördlichen Seen vorkamen. Fischer berichten, dass auch der am Flussgrund lebende Mondfisch selten geworden ist. Und der früher reichlich vorkommende Niltilapia wird inzwischen nur noch vereinzelt in der Nähe von Assuan gesichtet.

Nährstoffverlust beeinträchtigt die Artenvielfalt

Laut Olfat Anwar, Leiterin der Abteilung für Fischerei in der Entwicklungsbehörde für den Nasser-See, ist auch dort der Umfang zahlreicher Fischpopulationen auf ein kritisches Niveau gesunken. Das 5.200 Quadratkilometer große Gewässer liegt hinter dem Hochdamm von Assuan. Anwar führt die Entwicklung auf Umweltveränderungen zurück. "Im Nasser-See gibt es fast keine Nährstoffzuflüsse mehr, vor allem nicht von Süden nach Norden", sagt die Wissenschaftlerin. "Das hat die Zusammensetzung der Arten in dem See beeinträchtigt."

Zudem leidet der Nasser-See unter den Folgen von jahrzehntelanger Vernachlässigung und Missmanagement. Dazu haben ein nicht nachhaltiger Fischfang und die Verschmutzung durch Motorboote beigetragen.

Doch einige wenige Fischarten gedeihen selbst unter den kritischen Bedingungen prächtig. So bescheren vier Spezies aus der Familie der Buntbarsche den Fischern noch gute Einnahmen. Katzenfische, Nilbarsche und Tigerbarsche erreichen sogar gigantische Ausmaße und ziehen Angler aus aller Welt an. Doch Olfat Anwar gibt allerdings zu bedenken, dass das anscheinende Wohlergehen einzelner Spezies nicht davon ablenken dürfe, dass andere Arten vom Aussterben bedroht seien. (afr/IPS)

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