Ägypten: Entführung koptischer Mädchen

Vorwürfe gegen Salafistenführer

Von Cam McGrath | 25.04.2013

Kairo. Wenn in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria ein koptisches Mädchen verschwindet, spricht die Familie bei einem muslimischen Scheich im nahe gelegenen El-Ameriya vor. Der ultrakonservative Salafistenführer ist dafür bekannt, dass er koptische Christinnen entführen lässt, sie zum Islam konvertiert und mit muslimischen Männern verheiratet.

Der Scheich und seine Gehilfen sind daher der schlüssige Ausgangspunkt für Nachforschungen nach vermissten minderjährigen Christinnen. Wie Mamdouh Nakhla, der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation 'Al Kalema' berichtet, lässt sich die Spur oft über diesen Weg verfolgen.

Erst vor Kurzem verschwand die 13-jährige Koptin Girgis aus einem Dorf nahe Alexandria. Nach eigenen Angaben war sie auf dem Nachhauseweg von der Schule in einem Taxi betäubt und entführt worden. Als sie wieder zu sich kam, befand sie sich in einem fremden Haus. Zwei Scheichs und eine ältere Frau forderten sie auf, Gesicht und Körper zu verschleiern. Dann sollte sie den islamischen Glauben annehmen. Als sie sich weigerte, wurde sie geschlagen.

Das Mädchen wurde nach neun Tagen freigelassen. Angenommen wird, dass die Kidnapper nervös geworden sind, weil die Familie des Opfers Großdemonstrationen organisiert hatte, um die Freilassung zu erreichen. Die Salafisten übergaben Girgis der Polizei, die dem Mädchen nahelegte, die Entführung zu verschweigen, um gewaltsame Zusammenstöße zwischen Muslimen und Christen zu verhindern.

Entführte verschwinden meist für immer

"Das Ungewöhnliche an diesem Fall war die Freilassung", sagt Nakhla. "In einem anderen Fall, dem wir recherchiert haben, durfte die Entführte ihre Eltern anrufen. Ansonsten hat man von den Mädchen nie wieder etwas gehört."

Nach Angaben christlicher Menschenrechtsorganisationen werden Christinnen in Ägypten bereits seit Jahrzehnten unter den Augen der lokalen Behörden verschleppt und zum Islam zwangsbekehrt. Die Zahl der Kidnapping-Fälle habe aber drastisch zugenommen, seit 2011 der Diktator Husni Mubarak gestürzt wurde und eine islamistisch geführte Regierung an die Macht kam.

Wie die Vereinigung der Opfer von Entführungen und Verschleppungen (AVAFD) erklärte, sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 500 junge Koptinnen gekidnappt worden. Betroffen sind demnach immer mehr Mädchen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren. Laut dem Direktor von AVAFD, Abram Louis, werden die Opfer in 'sichere' Häuser gebracht, in denen sie gezwungen werden, ihre Religion aufzugeben und Muslime zu heiraten, die oftmals schon eine Frau haben.

"Wenn wir der Polizei sagen, wo ein entführtes Mädchen festgehalten wird, informieren sie die Salafisten, die sie an einen anderen Ort bringen. Dann verliert sich jede Spur", sagte Louis kürzlich in einem Interview. "In Ägypten gelten Gesetze, die Mädchen unter 18 schützen. Von den Salafisten werden sie allerdings nicht befolgt", so auch Amal Abdel Hadi, die Leiterin der Neuen Frauenstiftung. "In ihren Augen ist ein Mädchen nur so lange minderjährig, bis sie ihre erste Periode bekommt."

Radikale Islamisten streiten Schuld ab

Salafistenführer streiten allerdings kategorisch ab, mit den Entführungen und zwangsweisen Bekehrungen etwas zu tun zu haben. Sie behaupten, dass die Mädchen aus freien Stücken zum Islam übergetreten seien.

Laut Isaak Ibrahim von der Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR) sind Liebesbeziehungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen sowie Übertritte zum anderen Glauben in dem Land äußerst delikate Themen. Allein Gerüchte reichten bereits aus, um Unruhen auszulösen.

Ibrahim zufolge ist die Entführungsthese nicht immer haltbar. In einigen Fällen seinen junge Koptinnen deshalb zum Islam übergetreten, weil sie dadurch schwierigen Familienverhältnissen zu entkommen suchten. Andere hätten vor einer Eheschließung intime Beziehungen zu muslimischen Männern unterhalten. "Da sich die Familien der verschwundenen Mädchen schämten, aber dennoch ihre Töchter wiederhaben wollten, tischen sie die Entführungsgeschichte auf", so Ibrahim. Dem Aktivisten zufolge sind solche Fälle nur dann ein Problem, wenn das Mädchen unter 18 Jahre alt ist und das Kinderschutzgesetz gilt.

Nakhla, der die Familien von 20 vermissten Christinnen vertritt, sieht dagegen klare Hinweise auf Entführungen. Es sei wenig überzeugend, dass eine 15-jährige Koptin plötzlich zum Islam konvertieren und die zweite Frau eines über 40-jährigen Scheichs werden wolle. Das betroffene Mädchen habe seinen Eltern seit seiner Heirat nicht geschrieben. Das sei äußerst ungewöhnlich in einer Gesellschaft mit starken Familienbanden.

"In Ägypten ist es ein Verbrechen, eine Minderjährige zu heiraten. Ebenso ist es nicht erlaubt, dass unter 18-Jährige ihren Glauben wechseln", sagt Nakhla. "Dennoch weigert sich die Regierung, diesen Fällen nachzugehen und die Verantwortlichen festzunehmen." (afr/IPS)

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