Ägypten: Demokratie mit bitterem Nachgeschmack

Arme werden immer ärmer

Von Cam McGrath | 08.03.2013

Kairo. Der Kupferschmied Alaa Mussa ist vor Kurzen an den Ort zurückgekehrt, an dem er vor zwei Jahren trotzig mit einem handgeschriebenen Transparent ausharrte, um gegen den damaligen Staatschef Husni Mubarak zu protestieren. In jenem kalten Februarmorgen 2011 forderte er "Brot, Freiheit, Würde". Nun geht es ihm vorrangig darum, seine Familie zu ernähren.

Beim letzten Mal hatte Mussa eine Botschaft für Mubaraks Nachfolger Mohamed Mursi von der islamistischen Muslimbruderschaft parat. Darin spiegelt sich die wachsende Verzweiflung der verarmten Ägypter, die keine Arbeit haben. Von Freiheit und Würde ist keine Rede mehr, nur noch von "Brot, Brot, Brot".

Der Vater von drei Kindern lebt mit seiner Familie in dem heruntergekommenen Stadtteil Ramlet Bulak. Er hatte sich dem Aufstand gegen Mubarak angeschlossen, weil er glaubte, dass der Sturz des Diktators die erdrückende Korruption und die Repression durch den Staat beenden würde.

Mussa war fest davon überzeugt, dass dann den Mittellosen in Ägypten der Weg in eine bessere Zukunft offenstehen würde. Doch die schwierige Wirtschaftslage im neuen Ägypten habe ihn und seine Familie auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht, meint er bitter. An ein besseres Leben sei nicht zu denken. "Jeden Tag hören wir Versprechen, aber wir haben nie positive Veränderungen bemerkt. Jetzt geht es uns sogar noch viel schlechter als unter Mubarak."

In den zwei Jahren seit der Revolution ist die ägyptische Wirtschaft immer weiter geschwächt worden. Politische Tumulte und Arbeiterproteste haben zur Schließung von Fabriken und zu Entlassungen geführt. Touristen und Investoren wurden abgeschreckt. Das Wirtschaftswachstum hat sich bis zum Kriechtempo verlangsamt, und die Devisenreserven befinden sich auf einem kritischen Niveau.

Die kleine Werkstatt, in der Mussa früher verzierte Messinglampen herstellte, ist längst geschlossen. Die Eigentümer machten monatelang Verluste, bevor sie ihre sechs Angestellten entließen. Einige von ihnen sind in anderen Betrieben untergekommen, allerdings für weniger Lohn. Andere suchen noch immer nach einer neuen Beschäftigung.

Aus dem Angestelltenverhältnis ins Prekariat

Angesichts einer Arbeitslosenrate von durchschnittlich 13 Prozent ist der Wettbewerb um die wenigen offenen Stellen hart. Wie vielen Landsleuten blieb auch Mussa nichts anderes übrig, als im informellen Sektor ohne jegliche Absicherung ein neues Auskommen zu suchen. "Seit der Revolution wollen Unternehmer kaum noch Leute einstellen", sagt er. "Man hat ein paar Tage Arbeit und wird gefeuert. Dann geht die ganze Suche wieder von vorn los."

Der 27-Jährige Ramy Schahin arbeitete bis 2011 für eine US-Firma. Jetzt fährt er Taxi und verdient netto umgerechnet etwa 120 US-Dollar im Monat. Bald wird sein zweites Kind geboren, und er macht sich Sorgen, dass die Lebenshaltungskosten weiter steigen könnten. "Wir leben schon jetzt von der Hand im Mund", klagt er. "Ersparnisse haben wir nicht, deshalb können wir uns nur Geld leihen und beten, dass es morgen besser wird."

In den vergangenen zwei Jahren lag die Inflationsrate in Ägypten bei durchschnittlich zehn Prozent, weil die Nahrungsmittelpreise stark gestiegen sind. Die Abwertung der Währung sowie geplante Steuererhöhungen und Streichungen von Subventionen drohen die Inflation 2013 weiter voranzutreiben.

Aus einer vierteljährlich erscheinenden Studie der Regierung über die Ernährungslage, die gemeinsam mit dem Welternährungsprogramm WFP erstellt wird, geht hervor, dass 86 Prozent aller Haushalte im vergangenen September nicht im Stande waren, für ihre Grundbedürfnisse aufzukommen. Die Rate lag damit um zwölf Prozent über dem Stand vom Juni 2012. In den armen Familien würden die Einkommen zu mehr als 60 Prozent für Nahrung ausgegeben, geht aus der Untersuchung hervor.

Betroffene Familien versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Sie kaufen billigere Lebensmittel ein, teilen die Portionen und leihen sich Geld, um nicht zu verhungern. "Mindestens ein Viertel aller Ägypter lebt unterhalb der Armutsgrenze von zwei Dollar täglich", erklärt die Soziologin Madiha El-Safty aus Kairo. "Man kann sich vorstellen, wie schlimm es gekommen ist, wenn sich einige Leute Geld borgen müssen, um essen zu können."

Subventioniertes Brot aus minderwertigem Mehl

Im ganzen Land haben Preissteigerungen und das Hamstern von Lebensmitteln, Benzin und Gas erhebliche Engpässe verursacht. Umm Faruk, eine Witwe mit vier Kindern im Schulalter, steht jeden Tag stundenlang an, um subventioniertes Brot zu kaufen, das aus minderwertigem Mehl besteht. "Wir haben unter Mubarak für Brot angestanden und tun es unter Mursi wieder", sagt sie. "Nichts hat sich verändert, wir müssen täglich kämpfen."

Der Präsident beteuert indes, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen und Investoren zurückzuholen. Doch seine von Islamisten geführte Regierung hat die alles zersetzende Korruption aus der Zeit des Mubarak-Regime übernommen. Auch die Infrastruktur bleibt marode, da schon seit Jahrzehnten nichts gegen den Verfall getan wird.

Mursis Anhänger erklären, dass es Jahre dauern wird, bis die Institutionen 'gesäubert' und die von Mubarak in 29 Jahren verursachten wirtschaftlichen Schäden behoben seien. Die Kritiker des Staatschefs werfen ihm dagegen vor, dass er ein schlechter Ökonom ist und die politischen Ziele der Muslimbruderschaft mehr zählen als ein vernünftiger Umgang mit den Staatsfinanzen. (afr/IPS)

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