Ägypten: Boom von Fruchtbarkeitsbehandlungen

Fertilitätskliniken verzeichen starke Nachfrage seit dem Arabischen Frühling

Von Rachel Williamson | 14.10.2013

Kairo. Das junge Paar, das die Fertilitätsklinik von Dr. Bassem Elhelw in Kairo in Augenschein nahm, wusste genau, was es wollte. Nämlich einen Jungen, der durch In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt werden sollte. Nach erst vier Monaten Ehe hatten die beiden bereits reichlich Erfahrung mit dem Thema gesammelt.

Bereits zuvor hatte sich die junge Frau zweimal in die Hände von Spezialisten begeben. Hätte er das Paar nicht zur Geduld ermahnt, wären sie inzwischen bestimmt schon zum vierten Arzt gegangen, meint Elhelw.

Techniken der assistierten Reproduktion (ART) haben in Ägypten in letzter Zeit Hochkonjunktur. Der rasante Anstieg der Nachfrage ist seit Beginn des Volksaufstands im Januar 2011 zu beobachten. Nach dem Sturz von Diktators Husni Mubarak wurden viele Restriktionen in dem Bereich gelockert. IVF-Kliniken in Kairo und Alexandria begannen daraufhin, intensiv für ihre Dienstleistungen zu werben.

Die Fernseh-Werbespots erreichen inzwischen auch abgelegene ländliche Regionen. Doch viele Menschen erwarten zu viel von den Fruchtbarkeitstechnologien. Insgesamt sind sich Mitarbeiter im Gesundheitssektor einig, dass der Volksaufstand und seine Folgen zu einer neuen Dynamik geführt haben. "Die Haltung zum Thema Unfruchtbarkeit hat sich verändert", meint Elhelw. "Früher lief das Leben in Kairo eher langsam ab, doch in den vergangenen zwei Jahren hat sich vieles beschleunigt."

Fruchtbarkeitsprobleme häufen sich

Die Forscherin Marcia Inhorn von der Yale Universität in den USA hatte 2004 in einer Studie festgestellt, dass ägyptische Männer weniger Spermien haben. Zudem trete bei Frauen in Nahost das Polyzystische Ovarialsyndrom, eine Stoffwechselstörung, auffällig häufig auf. Die Reproduktionsfähigkeit ägyptischer Frauen werde zudem häufig durch Übergewicht vermindert.

Laut Medizinern haben diese Probleme seit der Revolution zugenommen. Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen führten zudem dazu, dass sich junge Männer und Frauen immer häufiger in Shisha-Bars zum Genuss von Wasserpfeifen einfänden, heißt es. Der starke Rauch in den Lokalen hemmt Experten zufolge ebenfalls die Fertilität. "Rauchen wirkt sich negativ auf die Qualität der Spermien aus", bestätigt Inhorn, die darauf hinweist, dass mindestens die Hälfte aller Männer im Nahen Osten raucht.

Ashraf Sabry, der drei Fruchtbarkeitskliniken in Kairo und Umgebung leitet, berichtet, dass 60 bis 70 Prozent seiner Patienten Männer mit Zeugungsproblemen seien. Dies führt er teils auf den Zigarettenkonsum und teils auf die seit 2011 gestiegene Beliebtheit von Shisha-Cafés zurück. "Rauchen ist zu einfach geworden", kritisiert er. "Die Jungs hängen so lange in den Cafés herum, dass sie jedes Mal zwei bis drei Shishas konsumieren."

Auch junge Frauen greifen in Ägypten inzwischen immer häufiger zur Wasserpfeife und Zigarette, ohne gesellschaftlichen Anstoß zu erregen. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Paare zunehmend Hilfe bei Fertilitätsexperten suchen. Etwa zehn bis 15 Prozent der Paare im Land seien von Fruchtbarkeitsproblemen betroffen, sagt Gamal Serour, Direktor der Abteilung für In-vitro-Fertilisation an der Al-Ashar-Universität in Kairo.

Die ägyptische Regierung ist seit 2011 nicht mehr mit der Regulierung der Fruchtbarkeitsbehandlungen befasst. Ein entsprechender Gesetzentwurf von 2010, der die IVF regeln sollte, fiel unter den Tisch. Das Gesundheitsministerium äußert sich nicht zu Fragen, ob Gesetze zur Reglementierung der Fruchtbarkeitskliniken geplant sind. Bislang wird dieser Sektor unregelmäßig vom Gesundheitsministerium und dem Ägyptischen Medizin-Syndikat überprüft. Über allem steht das islamische Recht.

Skrupellose Ärzte wollen vor allem Geld verdienen

Da die Regierung ihre Aufmerksamkeit in andere Richtungen lenkt, wird in der Fruchtbarkeitsmedizin viel Schindluder betrieben. Manche Patienten werden teuren und unnötigen Behandlungen unterzogen, beispielsweise einer vollständigen IVF-Therapie, auch wenn sie vielleicht nur Hormongaben benötigen. Elhelw räumt ein, dass es nicht selten vorkomme, dass die Frauen körperliche und seelische Schäden davontrügen.

"Ich bin für eine Regulierung der Behandlung, denn diese verantwortungslosen Cowboys verderben uns das Geschäft", beschwert sich Sabry, der in seinen Häusern keine Eizellenspenden akzeptiert, weil sie nach islamischen Recht verboten sind. IVF wurde 1986 in Ägypten eingeführt und unterliegt islamischen Richtlinien. Forderungen nach einer nationalen Überwachungsstelle, einer Registrierung von Fertilitätskliniken und einer Kontrolle der Ärztezulassungen sind jedoch in den Hintergrund getreten, seit sich die Ägypter vor allem um den Aufbau einer neuen demokratischen Ordnung in Land kümmern.

Die Kosten für eine Basis-IVF bewegen sich zwischen umgerechnet 870 und 1.740 US-Dollar. Wenn ein Paar das Geschlecht des künftigen Kindes bestimmen will, steigen die Preise auf 3.600 bis 4.300 Dollar. Im Vergleich zu Industriestaaten sind die Preise in Ägypten niedrig. Für die Einwohner des Landes, die im Durchschnitt nur 105 Dollar monatlich verdienen, sind sie jedoch hoch. Dennoch gelingt es auch ärmeren Paaren, das Geld für eine solche Behandlung aufzubringen. (afr/IPS)

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