Ägypten: Auch Kairo bekommt sein 'Silicon Valley'

IT-Unternehmer sollen Wirtschaft voranbringen

Von Rachel Williamson | 14.03.2014

Kairo. Die modernisierten Bürohäuser nahe dem Tahrir-Platz gleichen den schicken Bürozentren, wie sie überall auf der Welt zu finden sind. Kaum vorstellbar, dass vor den schweren Eisentoren die laute, verschmutzte und derzeit politisch unruhige Innenstadt von Kairo beginnt. Die Gebäude sind Teil von 'GrEEK', einem neuen IT-Standort, der Mittelpunkt eines ägyptischen 'Silicon Valley' werden soll.

Die zentrale Lage war der größte Anreiz für Ahmed Alfi, als er 2012 beschloss, ein "Ökosystem" für Technologie-Unternehmen zu schaffen. Vor dem Firmencampus treffen die wichtigsten U-Bahnlinien aufeinander, und nur ein paar Haltestellen entfernt befindet sich der Hauptbahnhof. Wie Alfi erklärt, können Menschen aus dem Großraum Kairo und aus vielen umliegenden Städten binnen anderthalb Stunden das IT-Zentrum erreichen.

Zehn Büromieter sind bereits eingezogen, mit weiteren vier oder fünf steht Alfi in Verhandlungen. Die Miete für ein 50 Quadratmeter großes Büro variiert zwischen 450 US-Dollar monatlich und 1.500 Dollar für die unteren Etagen. Um die Kosten in ein Verhältnis zu setzen: Der neue Mindestlohn für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst liegt bei 172 Dollar im Monat.

Alfi will einen Ort schaffen, an dem Ingenieure und Wissenschaftler in Ägypten IT-Firmen aufbauen und damit die Wirtschaft des Landes beleben. Ihm gehe es vor allem darum, etwas für die Unternehmenskultur und die Wirtschaft zu tun, meint er. "Ich fühle eine Verantwortung gegenüber dem wirklich intelligenten Nachwuchs, den wir haben und der noch nicht Teil dieses 'Ökosystems' ist, das hier entstehen soll." Diese ägyptischen Jungunternehmer sind gebildet, meist zweisprachig aufgewachsen und in regionale Wirtschaftsnetzwerke integriert.

Der Name GrEEK leitet sich von einem historischen griechischen Gebäude ab, das Teil des Campus ist. Die Schreibweise beinhaltet außerdem eine Verbindung zum Begriff 'Geek', mit dem sich viele Personen in der Technologie- und Kreativ-Szene betiteln. 

Wirtschaftsimpulse erwartet

Marwa Sadek, die Gründerin der Digital-Marketingagentur '20 Uses', engagiert sich seit zwei Jahren als Mentorin für Alfis Existenzgründerzentrum 'Flat6Labs'. Von der Idee des neuen IT-Zentrums war sie sofort begeistert. Seit Januar sitzt sie in einem minimalistisch eingerichteten Büro im zweiten Stock. "Wenn alle Unternehmen eingezogen sein werden, wird der GrEEK-Campus die Wirtschaft stark ankurbeln", ist sie überzeugt und berichtet, dass bald auch die Tagungsräume für ihre Firma fertig sein werden.

Yassar el-Zahhar will die aufstrebenden Computerfreaks mit gesunder Nahrung versorgen. Er ist in dem Gebäudekomplex mit einem Ökorestaurant vertreten. Vom Erfolg seines Start-up-Unternehmens ist er überzeugt. "Ich kann ihn förmlich riechen", meint er. Allerdings dürfte die Begeisterung über das neue IT-Zentrum zunächst kaum auf diejenigen abfärben, die außerhalb des Geländes arbeiten. Das hat vor allem mit den andauernden politisch motivierten Protesten auf dem Tahrir-Platz zu tun.

Für Sadek ist allerdings die Nähe zum Tahrir-Platz ein großes Problem. In den vergangenen zwei Monaten musste sie aufgrund von Protesten im Umfeld des Platzes mehrmals Geschäftstreffen verschieben. Von "business as usual" ist das IT-Zentrum also noch weit entfernt.

"Die Innenstadt ist voller unangenehmer Menschen", meint el-Zahhar. "Dort wird man nicht in Frieden gelassen." Dieser Umstand wiederum wird seiner Meinung nach dazu führen, dass die smarten jungen Frauen und Männer auf dem GrEEK-Campus beim ihm essen werden. Das nach einer ehemals dort befindlichen griechischen Schule benannte IT-Gelände sei ein geschützter Raum.

Auf der Straße gegenüber von GrEEK sitzt Reda Feuad in seinem IT-Laden und trinkt Tee, während er auf Kundschaft wartet. Der Händler sieht die Startup-Firmen nicht als Konkurrenz. Wie er betont, hat er über viele Jahre hinweg nachhaltige Kontakte zu Kunden im ganzen Land aufgebaut. Diesen Kundenstamm werde er nicht verlieren, ist er überzeugt.

Jung, dynamisch, gebildet und vernetzt

Die Generationen- und Bildungsunterschiede zwischen Feuad und den GrEEK-Leuten sind offensichtlich. Feuad spricht ausschließlich Arabisch, kontaktiert seine ägyptischen Kunden telefonisch und trifft sie persönlich. Seine neuen Nachbarn haben dagegen Verbindungen nicht nur in der Region, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Sie beherrschen zwei oder mehr Sprachen und sind ständig per Telefon und Email sowie über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter erreichbar.

Heba Gamal, die Managerin der Wirtschaftsentwicklungsorganisation 'Endeavour Egypt' hofft, dass es doch noch Brücken zwischen den jungen Startups und der Welt jenseits der GrEEK-Tore geben wird. "Intelligente Jungunternehmer werden sicherlich auf neue Kunden eingehen wollen, die sofort für sie erreichbar sind", sagt sie. GrEEK-Geschäftsführer Tarek Taha will ein guter Nachbar sein. Er hat Handwerker aus der Umgebung damit beauftragt, Möbel und anderes Inventar für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu fertigen. (afr/IPS)

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