Ägypten: Anschläge erschüttern den Sinai

Identität der Angreifer bislang unbekannt

Von Adam Morrow und Khaled Moussa al-Omrani | 21.10.2013

Kairo. Die Entmachtung von Mohamed Mursi als ägyptischer Staatspräsident durch das Militär liegt inzwischen mehr als drei Monate zurück. Doch es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht zu Anschlägen auf die Sicherheitskräfte des nordafrikanischen Landes kommt. Die Identität der Angreifer, die mehrheitlich auf der Halbinsel Sinai aktiv sind, ist unbekannt.

"Die bewaffneten Gruppen stammen nicht aus der Region", betont Hatem al-Bulk, ein Journalist vor Ort. "Die Bandenmitglieder sind oft maskiert, schlagen zu und verschwinden danach in den Bergen. Die Bevölkerung hat keine Ahnung, wer diese Leute sind."

Am 7. Oktober ging eine Autobombe in der Nähe der regionalen Sicherheitsabteilung im Südsinai hoch und riss drei Polizisten in den Tod. Dutzende Menschen wurden verletzt. "Neben den militanten Islamistengruppen gibt es noch jene, die ein Interesse daran haben, dass der Sinai als größere Waffen- und Drogenschmuggelroute intakt bleibt", meint dazu al-Bulk.

Am gleichen Tag starben sechs Soldaten bei einem Schusswechsel in der Nähe des Suez-Kanals. Gleichzeitig beschädigte eine reaktive Panzerbüchse (RPG-Waffe) im Süden Kairos einen Regierungssatelliten. Das war die erste Attacke dieser Art, die das Gebiet je erlebt hat.

Gesellschaft gespalten

Die immer kürzer werdenden Gewaltintervalle fallen in eine Zeit der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung infolge der Absetzung Mursis am 3. Juli. Einen Tag vor der Anschlagsserie am 7. Oktober hatten Sicherheitskräfte mehr als 50 demonstrierende Mursi-Anhänger in verschiedenen Teilen des Landes getötet.

Mursi, Ägyptens erster frei gewählter Staatschef, war lediglich ein Jahr im Amt, als er nach massiven und gut koordinierten Protesten gegen seine Präsidentschaft vom Militär abgesetzt und festgenommen wurde. Bis heute wird er von den vom Militär gestützten Machthabern an einem unbekannten Ort festgehalten.

Mursi-Gegner wiederum bezeichnen seinen Sturz in Anspielung auf den erfolgreichen Aufstand gegen die 30-jährige Diktatur des einstigen Präsidenten Husni Mubarak im Januar 2011 als 'zweite Revolution'. Mursis Anhänger sprechen hingegen von einem "Militärputsch" gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten beziehungsweise von einer "Konterrevolution", die von Mubarak-Getreuen angezettelt worden sei.

Seit dem erzwungenen Rücktritt Mursis kommt es täglich zu landesweiten Demonstrationen, die weitgehend friedlich verlaufen. Die Teilnehmer fordern die Wiedereinsetzung Mursis. Auch sie rätseln, wer sich hinter den Angreifern auf dem Sinai verbirgt.

Mitte August wurden bei einem einzigen Angriff im Norden der Halbinsel 25 Polizisten getötet. Der Vorfall ereignete sich fünf Tage nach dem Versuch der Sicherheitskräfte, eine Kundgebung in Kairo gegen den Sturz von Mursi gewaltsam aufzulösen, bei dem hunderte Mursi-Anhänger erschossen wurden.

Bisher beschränkt sich die Gewalt auf dem Sinai weitgehend auf den nordöstlichen Teil in der Nähe von Israel und dem Gazastreifen. Der Angriff auf die Sicherheitsabteilung im Süden der Halbinsel war eine Ausnahme. Angesichts der Gewalt wurden Militärs zum Sinai entsandt. Die ägyptischen Medien, die staatlichen wie die privaten, haben intensiv über die Armeekampagne berichtet und mit dem US-Krieg gegen den internationalen Terrorismus verglichen. Armeesprecher meldeten derweil, dass mehr als 100 Sicherheitskräfte bei den fortlaufenden Einsätzen getötet wurden.

Gegenseitige Beschuldigungen

Mit einigen Ausnahmen wie dem Anschlag im Südsinai durch eine diffuse Gruppe namens 'Ansar Beit al-Maqdis' hat sich niemand zu der Gewalt bekannt. Die Behörden machen "Terroristen" mit Verbindungen zur Muslimbruderschaft, der auch Mursi angehört, für die Anschläge verantwortlich. Seit dessen Sturz wurden hunderte hochrangige und weniger wichtige Mitglieder wegen Aufrufs zur Gewalt festgenommen. Die Muslimbruderschaft wiederum weist jede Verantwortung für die Gewalt auf dem Sinai mit dem Hinweis zurück, ausschließlich friedlich mit dem Ziel zu protestieren, die "konstitutionelle Legitimität" wiederherstellen zu wollen.

Der Journalist al-Bulk schätzt die Zahl der Milizionäre auf dem Sinai auf mehrere Tausend. "Sie haben keine gemeinsame Führung", meint er. Auch gebe es keinen Namen, der mit ihnen in Verbindung zu bringen wäre. Bereits Mursi habe in seiner einjährigen Amtszeit versucht, mit diesen Gruppen fertig zu werden. Er habe ihnen als Gegenleistung dafür, die Anschläge auf die Sicherheitskräfte und regionalen Gasleitungen einzustellen, relative Bewegungsfreiheit in Aussicht gestellt. Dass die Muslimbruderschaft diese Gruppen unterstützt oder finanziert, hält al-Bulk für ausgeschlossen.

Auf dem Sinai leben hauptsächlich Beduinen, die schon immer mit der Zentralregierung in Kairo über Kreuz waren. Im letzten Jahrzehnt der Mubarak-Ära war es zu gelegentlichen Angriffen gekommen, die regelmäßig mit der willkürlichen Verhaftung tausender Beduinen endeten. Auch in diesen Fällen blieb die Identität der Angreifer im Dunkeln.

Waffen- und Drogengeschäfte

Seif Abdel-Fattah, Politologe an der Universität von Kairo und ehemaliger Mursi-Unterstützer, der im vergangenen November seinen Posten aufgegeben hatte, weist darauf hin, dass es etliche Parteien gebe, die Interesse an einer Eskalation der Gewalt haben dürften. "Zusammen mit den militanten Islamistengruppen gibt es kriminelle Elemente wie Waffen- und Drogenhändler, die ihre Geschäfte auf dem Sinai ungestört fortführen wollen", so Abdel-Fattah. Alle diese Gruppen seien gewalterprobt, fügt er hinzu.

Auch er schließt direkte Verbindungen der Muslimbruderschaft zu diesen Milizionären aus. "Sobald die Sicherheitskräfte ihren Griff auf die Gruppen auf dem Sinai verstärken, antworten diese mit heftigen Gegenschlägen." Am 9. Oktober wurde ein Armeekommandant zusammen mit drei Soldaten im zentralen Sinai verletzt. Am gleichen Tag kam es landesweit zu einem halben Dutzend ähnlicher Vorfälle.

Abdel-Fattah führt die Rechtlosigkeit auf dem Sinai zum Teil auf das regionale Sicherheitsvakuum zurück, das durch das 1978 zwischen Ägypten und Israel geschlossene Friedensabkommen von Camp David entstanden sei. Gemäß dem Abkommen ist es Ägypten nicht erlaubt, ohne vorherige israelische Genehmigung größere Militäreinsätze auf dem Sinai durchzuführen.

Das erklärt, warum bis zur letzten Militäroperation, der Israel seine Zustimmung gegeben hatte, die Halbinsel weitgehend ohne effektive Sicherheitskräfte auskommen musste. Im August hatte ein Israel angelasteter Drohnenangriff im Norden des Sinais heftige Spekulationen über die erweiterte ägyptische Sicherheitskoordination zwischen Ägypten und Syrien ausgelöst. (afr/IPS)

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