Äthiopien: Vorreiter bei Grüner Wirtschaft

Wachstum und Klimaschutz gelten als vereinbar

Von James Jeffrey | 20.10.2014

Addis Abeba. Das ostafrikanische Land Äthiopien hat sich den Ruf erworben, auf vorbildliche Weise Klimaschutz und Wirtschaftswachstum miteinander in Einklang zu bringen. Eine nationale Strategie soll sozioökonomische Entwicklung und ökologische Nachhaltigkeit verknüpfen. Bis 2025 soll Äthiopien zu den Ländern mit mittlerem Einkommen zählen. Der Ansatz sorgt international für Aufsehen.

Wind turbines in AdamaÄthiopien setzt zunehmend auf nachhaltige Energiegewinnung, wie hier mit Windturbinen in Adama (Bild: CIFOR auf Flickr, CC BY-NC-ND 2.0).

"Die Staatengemeinschaft weiß sehr wohl, dass Äthiopien zu den Vorreitern internationaler Klimastrategien gehört und innerhalb Afrikas vielleicht sogar die Spitzenposition einnimmt", sagt Fritz Jung, der in der deutschen Botschaft in Addis Abeba für bilaterale Entwicklungszusammenarbeit zuständig.

Das Land am Horn von Afrika ist sich Experten zufolge voll und ganz bewusst, dass die größten Herausforderungen, denen sich die Entwicklungsländer stellen müssen, darin bestehen, für ein wirtschaftliches Wohlergehen zu sorgen, das nachhaltig ist und zugleich dem Klimawandel entgegenwirkt.

Laut dem Fünften Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC werden die Höchst- und Mindesttemperaturen im äquatorialen Ostafrika steigen. Klimamodelle zeigen, dass es in allen Jahreszeiten in Äthiopien zu einer Erwärmung kommt, die zu häufigen Hitzewellen führen können. Für die afrikanischen Staaten steht die Frage im Vordergrund, wie sie sich solchen Folgen des Klimawandels bestmöglich anpassen können.

Mainstreaming von Klimaresilienzstrategien

Dem IPCC-Bericht zufolge hat Äthiopien bereits "nationale Klimaresilienzstrategien in der Absicht eingeführt, sie auch in anderen Wirtschaftsbereichen umzusetzen". Äthiopiens Klimaresistente Grüne Wirtschaft (CRGE), eine 2011 angenommene Strategie, die dem Land bis 2025 den Mittleren-Einkommensstatus bei gleichzeitiger Entwicklung einer grünen Wirtschaft verschaffen soll, zeigt nach Ansicht von Fritz Jung, wie wichtig es Äthiopien damit ist, die sozioökonomische Entwicklung mit ökologischer Nachhaltigkeit zu verknüpfen.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kooperiert mit der äthiopischen Regierung bei der Lösung von Umweltproblemen. 2008 wurde das Programm zum nachhaltigen Landmanagement (SLMP) eingeführt. Eine signifikante Bodenerosion im Norden Äthiopiens hatte die Bauern dazu gezwungen, auf Steilhänge auszuweichen. Um diese Parzellen überhaupt bewirtschaften zu können, mussten die Farmer sich mit Seilen absichern.

Seit dem Start des SLMP konnten etwa 250.000 Hektar Ödland auf den Hochebenen von Amhara, Oromia und Tigray mit Hilfe nachhaltiger Bodenmanagementmethoden wie Terrassenkulturen, Fruchtwechsel und der Verwendung von Bodendeckern für den Anbau zurückgewonnen werden. Mehr als 100.000 Familien profitieren.

"Durch seine holistische Ausrichtung erhöht das SLMP die Verfügbarkeit von Wasser für die Landwirtschaft und die landwirtschaftliche Produktivität", betont Johannes Schoeneberger von der GIZ. Damit trage das Programm indirekt dazu bei, die Bevölkerung in ländlichen Gebieten gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen. Durch die Bereitstellung verbesserter Kochherde konnten die CO2-Emissionen verringert werden. Neu angelegte Gehölze helfen zudem dabei, den Druck auf die Primärwälder abzumildern.

Bei der Energiegewinnung setzt Äthiopien auf die Wasserkraft. Umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen sollen dem Land dabei helfen, einen Ausweg aus der Armut zu finden, erklärt Getahun Moges, Generaldirektor der Äthiopischen Energiebehörde. "Jedes Land kann einen grünen Wirtschaftskurs einschlagen, wenn der politische Wille dazu vorhanden ist."

Nachhaltigkeitsvorsprung

Erfahrungen mit Nachhaltigkeitsprojekten haben dem ostafrikanischen Land einen Vorsprung verschafft. "Äthiopier finden selbst dann Antworten, wenn Menschen in Industriestaaten ratlos sind", meint dazu Yvo de Boer, Generaldirektor der internationalen Umweltorganisation 'Global Green Growth Institute'.

Einschlägige Forschungsergebnisse sind in einem Bericht mit dem Titel 'New Climate Economy' (NCE) zusammengefasst und im September in Addis Abeba und New York vorgestellt worden. NCE ist ein Vorzeigeprojekt der 2013 gegründeten Globalen Kommission für Wirtschaft und Klima. Äthiopien gehört zu den sieben Gründungsmitgliedern.

Das Äthiopische Institut für Entwicklungsforschung hatte sich mit führenden Instituten zu einer Partnerschaft zusammengeschlossen, die den NCE mit Informationen versorgte. Dabei ging es insbesondere um die Klärung der Frage, ob ein anhaltendes Wirtschaftswachstum möglich ist, das gleichzeitig die Risiken des Klimawandels mindern kann. Dem NCE zufolge ist das der Fall.

"Die Vorstellung, dass wirtschaftlicher Wohlstand mit dem Kampf gegen den Klimawandel unvereinbar ist, hat sich als falsch herausgestellt", sagt Helen Mountford vom 'World Resources Institute' in Washington, die künftge globale NCE-Programmdirektorin. Der Umschwung wurde demnach durch strukturelle und technologische Neuerungen in die Wege geleitet.

Äthiopien ist allerdings noch längst nicht aus dem Gröbsten heraus. "Zusammen mit anderen Problemen wie dem Bevölkerungswachstum und miteinander konkurrierenden Landnutzungsplänen bedroht der Klimawandel weiterhin den Reichtum an natürlichen Ressourcen und die Artenvielfalt des Landes", warnt Fritz Jung. (afr/IPS)

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